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Life and Letters. The Autobiography of Charles Darwin
Charles Robert Darwin
(1887)

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Charles Darwin – ein Leben, Autobiographie, Briefe, Dokumente Charles Darwin – ein Leben, Autobiographie, Briefe, Dokumente
Von meiner Geburt bis zum Eintreffen in Cambridge.Von meiner Geburt bis zum Eintreffen in Cambridge.


Als der Herausgeber einer deutschen Zeitschrift an mich geschrieben hatte wegen einer Darstellung der Entwicklung meines Geistes und Charakters sowie einer Skizze meiner Autobiographie, kam mir der Gedanke, daß ein solcher Versuch mir Freude bereiten und möglicherweise auch meine Kinder oder deren Kinder interessieren würde. Ich weiß, daß es mich in hohem Grade interessiert haben würde, wenn ich auch nur eine so kurze und langweilige Skizze vom Geiste meines Großvaters, von ihm selbst geschrieben, hätte lesen können, und was er gedacht und getan und wie er gearbeitet hat. Ich habe versucht, die folgende Schilderung über mich so zu schreiben, als wäre ich ein Verstorbener in einer anderen Welt, der auf sein eigenes Leben zurückblickt. Auch ist mir das nicht schwergefallen, denn das Leben ist für mich nahezu vorüber. Ich habe mir keinerlei Mühe in bezug auf den Stil gegeben.

Ich wurde in Shrewsbury am 12. Februar 1809 geboren. Ich bekam von meinem Vater zu hören, daß seiner Meinung nach Menschen mit einem starken Gedächtnis gewöhnlich ein Erinnerungsvermögen besitzen, das weit zurück zu einer sehr frühen Periode ihres Lebens reicht. So verhielt es sich nicht mit mir, denn meine früheste Erinnerung reicht nur bis dahin zurück, wo ich wenig Monate über vier Jahre alt war, als wir in die Nähe von Abergele in das Seebad fuhren; ich erinnere mich einiger jener Ereignisse und Örtlichkeiten mit einer gewissen Deutlichkeit.

Meine Mutter starb im Juli 1817, als ich wenig über acht Jahre alt war, und es ist seltsam, daß ich mich kaum an irgend etwas in bezug auf sie erinnern kann, ausgenommen an ihr Sterbelager, ihr schwarzes Samtkleid und ihren eigentümlich gebauten Arbeitstisch. Ich denke, daß dieses Vergessen teilweise meinen Schwestern zuzuschreiben ist, die durch ihren Tod so tief betrübt waren, daß sie niemals von ihr sprechen oder ihren Namen erwähnen konnten, teilweise aber auch ihrem kranken Zustand, in dem sie sich vor ihrem Tode befand. Im Frühling jenes Jahres wurde ich in eine Tagesschule in Shrewsbury geschickt, wo ich ein Jahr lang blieb. Bevor ich in die Schule kam, beschäftigte sich meine Schwester Caroline mit mir, aber ich hege Zweifel, ob dieser Unterricht erfolgreich verlief. Man hat mir gesagt, daß ich im Lernen viel langsamer gewesen sei als meine jüngere Schwester Catherine, und ich glaube, ich war in vielen Beziehungen ein kleiner Taugenichts. Caroline war im höchsten Maße freundlich, fähig und fleißig, aber sie legte in dem Bestreben, mich zu bessern, einen etwas zu großen Eifer an den Tag; denn ich kann mich auch jetzt, nach so vielen Jahren, noch genau daran erinnern, wie ich mir beim Betreten des Zimmers, in dem sie sich befand, sagte: «Wofür wird sie mich denn jetzt schon wieder tadeln?» Und ich faßte starrsinnig den Vorsatz, mich vollständig gleichgültig all dem gegenüber zu verhalten, was sie auch sagen möge.

In der Zeit, als ich in diese Tagesschule ging, entwickelte sich schon auffallend meine Neigung zur Naturgeschichte und ganz besonders zum Sammeln. Ich versuchte, die Namen der Pflanzen zu erfahren, und sammelte alle möglichen Sachen, Muscheln, Siegel, Frankaturen, Münzen und Mineralien. Die Leidenschaft für das Sammeln, die den Menschen dazu führt, ein systematischer Naturforscher, ein Kunstliebhaber oder ein Geizhals zu werden, war sehr stark bei mir und offenbar angeboren, da keines meiner Geschwister, weder mein Bruder noch meine Schwestern, je diese Neigung gehabt hat.

Eine kleine Begebenheit aus diesem Jahre hat sich meinem Geiste sehr fest eingeprägt, und ich nehme an, daß dies deshalb geschah, weil mein Gewissen dadurch später sehr belastet war; sie ist darum merkwürdig, da sie zeigt, daß ich mich offenbar schon in diesem frühen Alter für die Variabilität der Pflanzen interessiert habe! Ich erzählte einem andern kleinen Jungen (ich glaube, es war Leighton, der später ein bekannter Lichenologe und Botaniker wurde), daß ich verschieden gefärbte Schlüsselblumen und Primeln hervorbringen könne, indem ich sie mit gewissen farbigen Flüssigkeiten begösse, was natürlich eine ungeheuerliche Lüge und niemals von mir versucht worden war. Ich will hier auch bekennen, daß ich als kleiner Junge sehr dazu neigte, unwahre Geschichten zu erfinden, und dies geschah immer zu dem Zwecke, Aufregung hervorzurufen. So pflückte ich zum Beispiel einmal viel wertvolles Obst von meines Vaters Bäumen, verbarg es im Gebüsch und rannte dann in atemloser Eile, um die Neuigkeit mitzuteilen, daß ich einen Haufen gestohlenes Obst gefunden hätte.

Ungefähr zu dieser Zeit oder, wie ich hoffe, etwas früher stahl ich von Zeit zu Zeit Obst, das ich zu vernaschen gedachte. Dabei entbehrte eine meiner Methoden nicht eines gewissen Erfindungsgeistes. Der Garten, der abends verschlossen wurde, war von einer hohen Mauer umgeben, die ich aber leicht von benachbarten Bäumen aus besteigen konnte. Danach steckte ich in die Bodenöffnung eines ziemlich großen Blumentopfes einen langen Stab. Mit dem Rand des Blumentopfes streifte ich Pfirsiche und Pflaumen ab, die in den Topf fielen, und ich hatte somit die gewünschte Beute in Sicherheit. Ich entsinne mich noch, wie ich als sehr kleiner Bube Äpfel im Garten stahl, um damit einige Knaben und junge Männer zu versorgen, die in einem nahen Landhaus wohnten. Aber bevor ich ihnen die Früchte reichte, zeigte ich ihnen prahlerisch, wie schnell ich laufen konnte, und, wie verwunderlich es auch sein mag, ich konnte einfach nicht begreifen, daß ihr Erstaunen und ihre Begeisterung über meine Fähigkeit zu laufen nur eines zum Ziele hatten: Äpfel zu erhalten. Aber ich entsinne mich noch gut, wie mich ihre Worte, sie hätten noch nie einen Knaben gesehen, der so schnell laufen könne, in Begeisterung versetzten!

Aus diesem Jahre, als ich in Mr. Cases Tagesschule war, erinnere ich mich nur noch eines anderen Ereignisses deutlich, nämlich des Begräbnisses eines Dragoners. Es ist überraschend, wie deutlich ich noch das Pferd, die leeren Stiefel und den Karabiner, der am Sattel aufgehängt war, sowie die Gewehrsalven über dem Grab vor mir sehe. Diese Szene wühlte tief all das auf, was nur an poetischer Einbildung in mir vorhanden war.

Im Sommer 1818 kam ich in Dr. Butlers große Schule in Shrewsbury und blieb dort sieben Jahre bis zum Mittsommer 1825, in dem ich sechzehn Jahre alt war. Ich lebte ganz in der Schule, so daß ich den großen Vorteil genoß, das Leben eines echten Schülers führen zu können; da aber die Entfernung bis zu meinem Vaterhaus kaum mehr als eine Meile betrug, lief ich sehr häufig in den längeren Pausen zwischen dem Aufgerufenwerden und vor dem abendlichen Zuschließen hinüber. Ich glaube, dies war in mancher Hinsicht für mich von Nutzen, da es meine Anhänglichkeit an das Haus und mein Interesse an ihm lebendig erhielt. Ich erinnere mich, daß ich in der ersten Zeit meines Schulbesuchs oft sehr schnell laufen mußte, um zur rechten Zeit da zu sein. Da ich ausgezeichnet laufen konnte, war ich auch meistens erfolgreich; beschlichen mich aber Zweifel, so bat ich Gott ernstlich, mir zu helfen, und ich erinnere mich sehr gut, daß ich meinen Erfolg den Gebeten und nicht meinem schnellen Laufen zuschrieb und daß ich mich wunderte, wie oft mir geholfen wurde.

Ich habe meinen Vater und meine älteren Schwestern erzählen hören, daß ich als ganz junger Knabe eine große Neigung zu langen einsamen Spaziergängen gehabt hätte; was ich mir aber dabei überlegt habe, weiß ich nicht. Ich war oft ganz versunken, und als ich einmal oben auf den alten Festungswerken, die Shrewsbury umgeben und in einen öffentlichen Fußweg umgewandelt worden waren, der auf der einen Seite kein Geländer hatte, zur Schule zurückkehrte, trat ich fehl und stürzte hinunter. Die Höhe betrug aber nur sieben oder acht Fuß. Trotzdem war die Zahl der Gedanken, die mir während dieses sehr kurzen, aber plötzlichen und völlig unerwarteten Falles durch den Kopf gingen, erstaunlich groß und scheint kaum mit dem vereinbar zu sein, was die Physiologen, wie ich glaube, bewiesen haben, daß jeder Gedanke eine recht beträchtliche Zeitspanne erfordert.

Ich muß, als ich in die Schule zu gehen begann, ein sehr einfältiger kleiner Kerl gewesen sein. Ein Junge namens Garnett nahm mich eines Tages mit in einen Kuchenladen und kaufte ein paar Kuchen, welche er nicht bezahlte, da ihm der Ladenbesitzer traute. Als wir herauskamen, fragte ich ihn, warum er die Kuchen nicht bezahlt habe. Er antwortete augenblicklich: «Ja, weißt du denn nicht, daß mein Onkel der Stadt eine große Summe Geld hinterlassen hat unter der Bedingung, daß jeder Kaufmann das Gewünschte ohne Bezahlung einem jeden zu geben habe, der seinen alten Hut trüge und ihn in einer besonderen Manier schwenke?» Dabei zeigte er mir, wie er geschwenkt wird. Er ging dann in einen anderen Laden, in dem er Kredit hatte, fragte nach irgendeinem kleinen Gegenstand, bewegte seinen Hut in der gehörigen Art und erhielt natürlich die Sache ohne Bezahlung. Als wir herauskamen, sagte er: «Wenn du nun einmal selbst Lust hast, in den Kuchenladen dort zu gehen (wie gut erinnere ich mich noch genau seiner Lage!), so will ich dir meinen Hut borgen, und du kannst dann bekommen, was du nur immer willst; du brauchst nur den Hut in der gehörigen Weise zu schwenken.» Ich nahm sehr erfreut das hochherzige Anerbieten an, ging hinein, verlangte ein paar Kuchen, schwenkte den Hut und war im Begriff, aus dem Laden hinauszugehen, als der Besitzer auf mich losstürzte. Ich ließ die Kuchen fallen, nahm Reißaus und war höchst erstaunt, von meinem falschen Freund Garnett mit brüllendem Gelächter begrüßt zu werden.

Ich kann zu meinen Gunsten sagen, daß ich als Knabe human war; ich verdankte das aber gänzlich der Lehre und dem Beispiel meiner Schwestern. Ich bezweifle in der Tat, daß die Humanität eine natürliche oder angeborene Eigenschaft ist. Es machte mir viel Freude, Vogeleier zu sammeln. Ich nahm aber niemals mehr als ein einziges Ei aus einem Nest, ausgenommen bei einer einzigen Gelegenheit, bei der ich sie alle nahm, aber nicht ihres Wertes wegen, sondern als eine Art Bravourstückchen.

Ich hatte eine große Vorliebe für das Angeln und hätte jede beliebige Zahl von Stunden am Ufer eines Flusses oder Teiches sitzen und den Schwimmer beobachten können. Als ich in Maer[1] war, wurde mir gesagt, daß ich die Würmer mit Salzwasser töten könne, und von dem Tage an habe ich niemals wieder einen lebendigen Wurm angesteckt, wenn auch wahrscheinlich auf Kosten eines geringeren Erfolgs.

Einmal, als ich noch ein sehr kleiner Junge war – ich ging wohl schon in die Tagesschule, oder es war noch früher –, handelte ich grausam: Ich schlug ein junges Hündchen, wie ich glaube, einfach in dem freudigen Gefühl der Kraft; doch kann das Schlagen nicht derb gewesen sein, weil das Hündchen nicht heulte, wessen ich ganz sicher bin, da das ganz in der Nähe des Hauses geschah. Diese Tat hat mich sehr bedrückt; denn ich erinnere mich heute noch genau der Stelle, wo das Verbrechen begangen wurde. Es belastete mich wahrscheinlich um so schwerer, als damals und noch lange Zeit danach meine Liebe zu Hunden geradezu eine Leidenschaft war. Die Hunde schienen dies zu spüren; denn ich vermochte es, ihre Liebe ihren Herren zu rauben.

Nichts hätte für die Entwicklung meines Geistes schlimmer sein können als Dr. Butlers Schule, da sie ausschließlich klassisch war und in ihr außer alten Sprachen nur noch ein wenig alte Geographie und Geschichte gelehrt wurde. Daß die Schule ein Mittel der Erziehung sei, war mir einfach unbegreiflich. Während meines ganzen Lebens bin ich völlig unfähig gewesen, irgendeine Sprache zu beherrschen. Besondere Aufmerksamkeit wurde dem Versemachen gewidmet, und dies wollte mir nie ordentlich gelingen. Ich hatte viele Freunde und brachte eine große Sammlung alter Verse zusammen, die ich durch Zusammenflicken, zuweilen mit Hilfe anderer Knaben, zu jedem beliebigen Thema verarbeiten konnte. Viel Aufmerksamkeit wurde auch darauf verwandt, die Aufgaben des vorhergehenden Tages auswendig zu lernen. Dies schaffte ich mit großer Leichtigkeit und lernte vierzig oder fünfzig Verse von Vergil oder Homer, während ich im Morgengottesdienst war; doch war diese Anstrengung absolut nutzlos, da jeder einzelne Vers in achtundvierzig Stunden wieder vergessen war. Ich bin nicht faul gewesen und habe, mit Ausnahme des Versemachens, gewissenhaft meine klassischen Arbeiten ohne Hilfe von Eselsbrücken erledigt. Das einzige Vergnügen, das ich jemals bei solchen Studien empfunden habe, bereiteten mir einige Oden des Horaz, die ich wahrhaft bewunderte.

Als ich die Schule verließ, war ich meinem Alter nach weder weit oben noch weit unten, und ich glaube, daß mich alle meine Lehrer und mein Vater für einen sehr gewöhnlichen Jungen, eher etwas unter dem geistigen Durchschnitt, gehalten haben. Zu meiner tiefen Demütigung sagte mein Vater einmal zu mir: «Du hast keine anderen Interessen als Jagen, Hunde und Ratten fangen, und du wirst dir selbst und der ganzen Familie zur Schande.» Mein Vater, der der wohlwollendste Mann war, den ich je gekannt habe und dessen Andenken ich von ganzem Herzen liebe, muß aber sehr böse und etwas ungerecht gewesen sein, als er sich solcher Worte bediente.

Ich will hier einige wenige Seiten über meinen Vater hinzufügen, der in vielen Beziehungen ein bemerkenswerter Mann war.

Er war ungefähr 6 Fuß und 2 Zoll (ca. 1,90 m) groß, breitschultrig und sehr korpulent, so daß er der größte Mann war, den ich je gesehen habe. Als er sich zum letzten Male hatte wiegen lassen, wog er 24 Stein (ca. 152 kg); er nahm aber später noch an Gewicht zu. Seine hauptsächlichsten geistigen Eigenschaften waren seine Beobachtungsgabe und sein Mitgefühl; beides habe ich niemals weder übertroffen noch auch nur erreicht gesehen. Er empfand nicht nur das Unglück anderer mit, sondern in noch höherem Maße die Freuden aller in seiner Umgebung. Dies bewog ihn, ständig Pläne zu machen, wie er anderen Freude bereiten könne, und, obschon er die Verschwendungssucht haßte, viele hochherzige Handlungen auszuführen. So kam zum Beispiel ein Mr. B. ein kleiner Fabrikant in Shrewsbury, eines Tages zu ihm und teilte ihm mit, daß er Bankrott machen müsse, wenn er nicht sofort 10000 Pfund borgen könne, daß er aber nicht imstande sei, irgendwelche rechtliche Sicherheit zu bieten. Mein Vater hörte die Gründe an, welche den Mann glauben ließen, daß er schließlich das Geld werde zurückzahlen können, und war nach seiner intuitiven Erfassung des Charakters überzeugt, daß er dem Manne trauen könne. Er schoß ihm daher die Summe, die für ihn als einen noch jungen Mann sehr groß war, vor und erhielt nach einiger Zeit sein Geld wieder zurück.

Ich glaube, es war sein mitfühlendes Verständnis, das ihm das Vermögen, schrankenloses Vertrauen zu gewinnen, verlieh und das ihm als natürliche Folge einen so großen Erfolg als Arzt sicherte. Er begann zu praktizieren, noch ehe er einundzwanzig Jahre alt war, und seine Honorare deckten ihm im ersten Jahr die Ausgaben für zwei Pferde und einen Diener. Im folgenden Jahr war seine Praxis größer, und so blieb sie ungefähr sechzig Jahre lang, bis er aufhörte zu praktizieren. Sein großer Erfolg als Arzt war um so erstaunlicher, als er mir erzählte, daß er zuerst seinen Beruf in so hohem Maße gehaßt habe, daß, wenn er die unbedeutendste Erwerbsgrundlage hätte finden können oder wenn ihm sein Vater irgendeine Wahl gelassen hätte, ihn nichts hätte bestimmen können, diesen Beruf zu ergreifen. Gegen Ende seines Lebens flößte ihm der bloße Gedanke an eine Operation Widerwillen ein; auch konnte er es kaum ertragen, jemanden bluten zu sehen – ein Abscheu, den er auf mich übertragen hat. Ich erinnere mich des Entsetzens, das ich als Schuljunge beim Lesen der Erzählung empfand, daß Plinius (wenn ich nicht irre) sich in einem warmen Bade verblutet habe. Mein Vater erzählte mir von zwei merkwürdigen Begebenheiten, die mit einem Aderlaß verbunden waren; bei der einen ging es darum, daß er als sehr junger Mann ein Freimaurer geworden war. Sein Freund, ein Logenbruder, tat so, als ob er keine Ahnung von der starken Erregung habe, die meinen Vater beim Anblick von Blut überkam, und sagte auf dem Wege zu einer Zusammenkunft der Freimaurerloge beiläufig: «Ich nehme an, der Verlust einiger Tropfen Blut wird Sie nicht beunruhigen?» Als man den Vater in die Loge aufnahm, verband man ihm die Augen und streifte den Jackenärmel hoch. Ich weiß nicht, ob heute noch eine solche Zeremonie durchgeführt wird, doch mein Vater erwähnte sie als ein treffendes Beispiel für die Macht der Einbildungskraft. Er spürte deutlich, wie ihm ein dünner Blutstrahl den Arm hinabrieselte, und er konnte kaum seinen Augen trauen, als er danach am Arm keine Spur einer Stichwunde bemerken konnte.

Ein erfahrener Londoner Fleischer kam eines Tages zu meinem Großvater, um sich einen Rat zu holen. Und gerade in diesem Augenblick brachte man einen schwerkranken Menschen zu ihm, den mein Großvater mit dem anwesenden Apotheker zur Ader lassen wollte. Den Fleischer bat man, die Hand des Kranken zu halten. Aber er entschuldigte sich und verließ das Zimmer. Später erklärte er meinem Großvater, er hätte, wie seltsam es auch erscheinen möge, beim Anblick des Blutes des Patienten zweifellos das Bewußtsein verloren, obwohl er wahrscheinlich mehr Tiere als irgendein anderer in London eigenhändig geschlachtet habe.

Infolge der großen Gabe meines Vaters, Vertrauen zu erwecken, zogen ihn viele Patienten, ganz besonders Damen, als eine Art Beichtvater zu Rate, wenn sie irgendwie unglücklich waren. Er erzählte mir, daß sie immer damit anfingen, sich in einer weitschweifigen Weise über ihre Gesundheit zu beklagen; aus Erfahrung erriet er dann bald, um was es sich eigentlich handelte. Er sprach dann die Vermutung aus, daß sie seelisch gelitten hätten, und nun fingen sie an, ihm ihre Sorgen vorzuklagen, und er hörte nichts mehr über körperliche Leiden. Meistens ging es um familiäre Zwistigkeiten. Wenn sich Ehemänner mit Klagen über ihre Frauen an ihn wandten und der Streit ernst war, so empfahl ihnen mein Vater (und sein Rat erreichte immer das erwünschte Ziel, wenn ihn nur der Ehemann genau befolgte, was nicht immer der Fall war), folgendermaßen vorzugehen: Der Mann sollte seiner Frau sagen, er sei sehr betrübt, daß ihr gemeinsames Leben nicht glücklich verlaufe; er sei überzeugt, daß sie (die Ehefrau) glücklicher wäre, wenn sie getrennt leben würden; er hielte sie nicht im geringsten für schuldig (aber die meisten Ehemänner weigerten sich, diesen Punkt zu akzeptieren); er werde den Verwandten oder Freunden gegenüber keine Vorwürfe gegen sie erheben; und zu guter Letzt, er sei bereit, ihr einen gewissen Teil seiner Mittel zur Verfügung zu stellen, wie es ihm die Umstände erlaubten. Dann mußte er sie bitten, sich diesen Vorschlag zu überlegen. Da der Ehefrau hierdurch der Boden zum Nörgeln entzogen war, verging ihre Gereiztheit, und bald mußte sie erkennen, in welch mißlicher Lage sie sich befand: Sie konnte keinerlei Anschuldigungen mehr vorbringen, und eine Trennung hatte nicht sie, sondern ihr Mann vorgeschlagen. In der Regel beschwor die Dame ihren Gatten, nicht mehr an eine Trennung zu denken, und verhielt sich von nun an bedeutend besser.

Infolge des Geschicks meines Vaters, Vertrauen zu gewinnen, wurden ihm viele merkwürdige Bekenntnisse von Unglück und Schuld gemacht. Er erwähnte oft, wie viele unglückliche Frauen er gekannt habe. In mehreren Fällen hatten Männer und Frauen zwanzig, dreißig Jahre lang ganz gut miteinander gelebt, sich dann aber erbittert gehaßt. Er schrieb dies dem Umstande zu, daß sie infolge des Heranwachsens ihrer kleinen Kinder das gemeinsame einende Band verloren hätten.

Die merkwürdigste Gabe aber, die mein Vater besaß, war die, die Charaktere und selbst die Gedanken derjenigen, die er auch nur eine kurze Zeit sah, lesen zu können. Hierfür erlebten wir viele Beispiele, von denen einige beinahe übernatürlich erschienen. Dies bewahrte meinen Vater (mit einer einzigen Ausnahme, und der Charakter dieses Mannes wurde bald entdeckt) davor, jemals einen unwürdigen Menschen zum Freund zu haben. Ein fremder Geistlicher kam nach Shrewsbury und schien ein reicher Mann zu sein; alle Welt machte ihm Besuche, und er wurde in viele Häuser eingeladen. Mein Vater besuchte ihn, und bei seiner Rückkehr sagte er meinen Schwestern, er würde ihn oder seine Familie unter keinen Umständen in unser Haus einladen, denn er sei überzeugt, daß dem Manne nicht zu trauen sei. Nach wenigen Monaten verschwand dieser plötzlich und hinterließ bedeutende Schulden, und es stellte sich heraus, daß er nur um weniges besser war als ein gewöhnlicher Schwindler. Das Folgende ist ein Fall von Vertrauen, wie es nicht viele Leute gezeigt haben würden. Eines Tages machte ein Ire, ein ihm vollständig fremder Herr, meinem Vater einen Besuch, erzählte ihm, daß er seine Börse verloren habe und daß es von ernstlichem Nachteil für ihn sein würde, in Shrewsbury warten zu müssen, bis er von Irland eine Nachsendung erhalten könne. Er bat darauf meinen Vater, ihm 20 Pfund zu leihen, was auch sofort geschah, da mein Vater sich ganz sicher fühlte, daß die Geschichte auf Wahrheit beruhe. Sobald ein Brief aus Irland ankommen konnte, kam auch einer mit den überschwenglichsten Dankesworten und, wie geschrieben stand, einer Zwanzig-Pfund-Note der Bank von England; es lag aber keine Banknote bei. Ich fragte meinen Vater, ob ihn dies nicht stutzig mache, doch antwortete er mir: «Nicht im geringsten.» Am nächsten Tage kam ein zweiter Brief mit vielen Entschuldigungen, daß er (wie ein richtiger Ire) vergessen habe, die Banknote dem Brief vom vorigen Tage beizufügen.

Ein Verwandter meines Vaters bat diesen bezüglich seines Sohnes um Rat, der außergewöhnlich faul war und für nichts Interesse hatte. Mein Vater sagte: «Ich nehme an, der faule junge Mann hofft, daß ich ihm eine große Summe Geld vermache. Sagen Sie ihm, daß ich ihm nicht einen Penny hinterlassen würde und daß ich Ihnen das persönlich mitgeteilt habe.» Der Vater des Burschen bekannte beschämt, daß dieser unsinnige Gedanke tatsächlich seinen Sohn ergriffen habe, und fragte meinen Vater, wie er darauf gekommen sei; aber mein Vater antwortete, er wisse das selbst nicht.

Der Earl of… brachte seinen Neffen, der geisteskrank, aber ganz ruhig war, zu meinem Vater; die geistige Störung des jungen Mannes ließ ihn sich aller unter dem Himmel nur möglichen Verbrechen anklagen. Als mein Vater später mit dem Onkel über die Sache sprach, sagte er: «Ich bin überzeugt, daß Ihr Neffe wirklich des… eines abscheulichen Verbrechens, schuldig ist», worauf der Earl of… ausrief: «Um Gottes willen, Dr. Darwin, wer hat Ihnen das gesagt? Wir glaubten, daß keine Menschenseele außer uns selbst um die Tatsache wisse!» Mein Vater hat mir diese Geschichte viele Jahre nach dem Vorkommnis erzählt, und ich fragte ihn, wodurch er die wahren von den falschen Selbstanklagen unterscheide. Es war sehr charakteristisch für meinen Vater, daß er sagte, er könne nicht erklären, wie es zugehe.

Die folgende Erzählung zeigt, wie erfolgreich mein Vater im Erraten sein konnte. Lord Shelburne, später der erste Marquis of Lansdowne, war (wie Macaulay irgendwo bemerkt) berühmt wegen seiner Kenntnis der europäischen Verhältnisse, worauf er sehr stolz war. Er konsultierte meinen Vater als Arzt und unterhielt sich danach mit ihm über die Zustände in Holland. Mein Vater hatte in Leyden Medizin studiert, und eines Tages machte er einen weiten Spaziergang aufs Land mit einem Freund, der ihn in das Haus eines Geistlichen (sagen wir ein Rev. Mr. A. denn ich habe seinen Namen vergessen) einführte, der eine Engländerin geheiratet hatte. Mein Vater war sehr hungrig, doch gab es zum zweiten Frühstück nur wenig außer Käse, den er niemals essen konnte. Die alte Dame war darüber überrascht; sie bedauerte es und versicherte meinem Vater, daß es ausgezeichneter Käse sei und daß er ihr von Bowood, dem Landsitz des Lord Shelburne, geschickt worden sei. Mein Vater wunderte sich, warum ihr von Bowood Käse geschickt wurde, dachte aber nicht weiter darüber nach, bis ihm die Erinnerung daran viele Jahre später blitzartig kam, als Lord Shelburne über Holland sprach. So antwortete er diesem denn: «Nach dem, was ich vom Rev. Mr. A. gesehen habe, sollte ich meinen, daß er ein sehr tüchtiger und mit den Verhältnissen in Holland sehr gut vertrauter Mann ist.» Mein Vater sah, daß der Earl, der unvermittelt das Thema der Unterhaltung wechselte, sehr betroffen war. Am nächsten Morgen erhielt mein Vater ein Billett vom Earl, in dem dieser schrieb, daß er seine Abreise verschoben habe und ganz besonders wünsche, meinen Vater zu sehen. Als dieser seinen Besuch machte, sagte der Earl: «Dr. Darwin, es ist für mich und für den Rev. Mr. A. von der größten Bedeutung, zu erfahren, auf welche Weise Sie ermittelt haben, daß er die Quelle meiner Informationen über Holland ist.» So hatte ihm denn mein Vater den ganzen Hergang des Falls auseinanderzusetzen, und er glaubte, daß Lord Shelburne von seinem diplomatischen Geschick des Erratens sehr beeindruckt war, denn während vieler darauffolgender Jahr erhielt er von ihm durch verschiedene Freunde viele wohlwollende Grüße. Ich meine, er muß diese Geschichte auch seinen Kindern erzählt haben; denn vor vielen Jahren fragte mich einmal Sir C. Lyell, aus welchem Grunde der Marquis of Lansdowne (der Sohn oder Enkel des ersten Marquis) ein so lebhaftes Interesse für mich empfinde, den er doch nie gesehen habe, ebenso wie für meine Familie. Als die Zahl der Mitglieder des Athenaeum Club[2] um vierzig neue Stellen (die vierzig «Diebe», wie man sie damals nannte) vergrößert wurde, bemühte man sich sehr darum, eine derselben zu erhalten; ohne daß ich irgend jemanden darum gebeten hätte, schlug mich Lord Lansdowne vor und setzte meine Wahl durch. Wenn meine Vermutung richtig ist, so war es eine eigentümliche Verkettung von Ereignissen, infolge deren die Tatsache, daß mein Vater vor vierzig Jahren einmal in Holland keinen Käse gegessen hat, meine Wahl zum Mitglied des Athenaeum herbeigeführt hat.

In seiner Jugendzeit verfaßte der Vater manchmal kurze Notizen über bemerkenswerte Ereignisse und Gespräche und verwahrte diese in einem besonderen Umschlag.

Seine scharfe Beobachtungsgabe ermöglichte es ihm, mit bemerkenswertem Geschick den Verlauf einer jeden Krankheit vorauszusagen, und er schlug dann unzählige Kleinigkeiten zu ihrer Heilung vor. Mir ist erzählt worden, daß ein junger Arzt in Shrewsbury, der meinen Vater nicht mochte, von ihm zu sagen pflegte, er sei ganz unwissenschaftlich, aber zugab, daß seine Gabe, den Ausgang einer Krankheit vorauszusagen, ganz ohnegleichen sei. Früher, als er meinte, daß auch ich Arzt werden würde, sprach er viel mit mir über seine Patienten. In alten Zeiten war die Gewohnheit, reichlich zur Ader zu lassen, ganz allgemein; mein Vater behauptete aber, daß dadurch bei weitem mehr Übel als Gutes gestiftet werde, und er gab mir den Rat, wenn ich selbst einmal krank werden sollte, keinem Arzt zu erlauben, mehr als eine äußerst geringe Menge Blut von mir zu nehmen. Lange bevor das typhoide Fieber als eine besondere Krankheit erkannt worden war, sagte mir mein Vater, daß zwei gänzlich verschiedene Krankheiten unter dem Namen Typhus miteinander verwechselt würden. Gegen das Trinken eiferte er heftig; er war sowohl von den direkten als auch den vererbten üblen Folgen des Alkohols in der überwältigenden Mehrzahl selbst solcher Fälle überzeugt, in denen er auch in bescheidenen Mengen gewohnheitsmäßig genommen wird. Er gab aber Fälle zu und führte Beispiele an, wo gewisse Personen während ihres ganzen Lebens reichlich trinken können, ohne allem Anschein nach irgendwelche schlimme Folgen zu verspüren; er glaubte auch, daß er häufig von vornherein sagen könne, wer nicht in dieser Weise zu leiden haben würde. Er selbst trank nie einen Tropfen irgendeiner alkoholischen Flüssigkeit. Diese Bemerkung erinnert mich an einen Fall, der beweist, wie sich ein Augenzeuge selbst unter den günstigsten Umständen täuschen kann. Einem Herrn auf dem Lande wurde von meinem Vater dringend geraten, nicht zu trinken, und ihm zur Ermutigung noch erzählt, daß er selbst nie irgendein geistiges Getränk angerührt habe. Da sagte der Herr: «Ei, ei, Doktor, das gilt nicht, obgleich es sehr freundlich ist, um meinetwillen das zu sagen, denn ich weiß, daß Sie jeden Abend nach dem Essen ein recht großes Glas mit heißem Wasser und Gin trinken.» Mein Vater fragte ihn, woher er dies wisse. Der Herr antwortete: «Meine Köchin war zwei oder drei Jahre lang Küchenmädchen in Ihrem Hause, und sie hat gesehen, wie der Diener alle Abende Gin und Wasser zurechtmachte und Ihnen brachte.» Die Erklärung war, daß mein Vater die eigentümliche Gewohnheit hatte, nach dem Abendessen aus einem sehr hohen und großen Glas heißes Wasser zu trinken. Der Diener pflegte nur zuerst etwas kaltes Wasser in das Glas zu tun, das das Mädchen irrtümlich für Gin hielt, und es dann mit kochendem Wasser aus dem Kocher zu füllen.

Mein Vater pflegte mir viele kleine Dinge zu erzählen, die er in seiner ärztlichen Praxis für nützlich befunden hatte. So weinten zum Beispiel Damen häufig sehr viel, während sie ihm ihre Beschwerden mitteilten, und raubten ihm damit seine kostbare Zeit. Er fand bald, daß, wenn er sie bat, sich zu beherrschen und das Weinen zu unterdrücken, dies sie immer zu noch stärkerem Weinen veranlaßte; später munterte er sie daher immer auf, nur weiter zu weinen, und sagte ihnen, daß sie nichts anderes so erleichtern werde; dadurch erreichte er stets, daß sie bald zu weinen aufhörten. Nun konnte er hören, was sie ihm zu sagen hatten, und ihnen raten. Wenn Patienten, die sehr schwer krank waren, nach irgendeiner seltsamen oder unnatürlichen Speise verlangten, fragte sie mein Vater, wer ihnen eine solche Idee in den Kopf gesetzt habe. Antworteten sie, daß sie das nicht wüßten, dann erlaubte er ihnen, die Speise zu versuchen, und oft mit Erfolg, da er sich darauf verließ, daß sie eine Art instinktive Sehnsucht danach hätten; antworteten sie aber, daß sie gehört hätten, die fragliche Speise habe irgend jemand anderem gutgetan, dann verweigerte er ganz entschieden seine Zustimmung.

Eines Tages teilte er mir einen seltsamen kleinen Zug des menschlichen Wesens mit. Als sehr junger Mann wurde er zu einer Konsultation mit dem Hausarzt bei der Erkrankung eines Herrn von hohem Ansehen in Shropshire gerufen. Der alte Doktor sagte der Ehefrau, die Krankheit sei von einer solchen Art, daß sie tödlich enden müsse. Mein Vater vertrat die entgegengesetzte Ansicht und behauptete, der Herr werde wieder genesen. Es stellte sich heraus, daß er in jeder Beziehung unrecht hatte (ich glaube durch die Sektion), und er gab seinen Irrtum zu. Er war nunmehr vollkommen überzeugt, daß er nie wieder von dieser Familie konsultiert werden würde; aber nach wenigen Monaten schickte die Witwe, nachdem sie den alten Hausarzt entlassen hatte, nach ihm. Mein Vater war darüber so überrascht, daß er einen Freund der Witwe bat, doch herauszubekommen, warum er wieder konsultiert würde. Die Witwe antwortete dem Freunde, daß «sie den alten widerlichen Doktor, der von Anfang an gesagt habe, daß ihr Mann sterben werde, nie wieder sehen wolle; Dr. Darwin habe aber immer behauptet, er werde wieder genesen!» In einem anderen Falle sagte mein Vater einer Dame, daß ihr Mann bestimmt sterben werde. Einige Monate später sah er die Witwe, die eine sehr verständige Dame war; sie sagte zu ihm: «Sie sind ein sehr junger Mann; erlauben Sie mir, Ihnen den Rat zu erteilen, immer, solange Sie es nur können, allen näheren, den Kranken pflegenden Verwandten Hoffnung zu machen. Sie brachten mich zur Verzweiflung, und von dem Augenblick an verlor ich die Kraft.» Mein Vater sagte, daß er seitdem oft erkannt habe, wie außerordentlich wichtig es im Interesse des Patienten sei, die Hoffnung und damit die Kraft der Person zu erhalten, deren Pflege der Kranke anvertraut ist. Er fand es zuweilen schwierig, dies zu tun, ohne gegen die Wahrheit zu verstoßen. Ein alter Herr, Mr. Pemberton, brachte ihn aber in keine derartige Verlegenheit. Er schickte nach ihm und sagte: «Nach allem, was ich von Ihnen gesehen und gehört habe, glaube ich, daß Sie zu der Art von Menschen gehören, die die Wahrheit sprechen, und wenn ich Sie frage, werden Sie es mir sagen, wenn ich im Sterben liege. Ich wünsche nun aber sehr, daß Sie mich behandeln, wenn Sie mir versprechen wollen, immer, was ich auch sagen möge, zu erklären, daß ich nicht sterben werde.» Mein Vater willigte ein, daß seine Worte in der Tat keine Bedeutung haben sollten.

Mein Vater besaß ein außerordentliches Gedächtnis, besonders für Daten, so daß er noch im hohen Alter den Tag der Geburt, der Hochzeit und des Todes von zahlreichen Personen in Shropshire wußte. Einmal sagte er mir, daß ihm diese Gabe sehr störend sei, denn wenn er ein Datum einmal gehört habe, könne er es nicht wieder vergessen; infolgedessen wurde er häufig an den Tod vieler Freunde erinnert. Dank seinem guten Gedächtnis kannte er eine große Anzahl von merkwürdigen Geschichten, die er, da er ein großer Erzähler war, gerne mitteilte. Er war meist gut aufgelegt und lachte und scherzte mit jedermann, oft mit seinen Dienstboten, in größter Freimütigkeit; und doch besaß er die Kunst, jedermann dazu zu bringen, ihm bis auf den Buchstaben zu gehorchen. Viele Menschen fürchteten sich vor ihm. Ich erinnere mich, daß mein Vater uns eines Tages lachend erzählte, mehrere Leute hätten ihn gefragt, ob Miss Piggott (eine sehr würdevolle alte Dame in Shropshire) ihn besucht habe, so daß er endlich sich erkundigt habe, warum sie fragten. Man hatte ihm darauf gesagt, daß Miss Piggott, die mein Vater irgendwie tödlich beleidigt habe, jedermann erzähle, sie wolle ihn aufsuchen und «diesem fetten alten Doktor ins Gesicht sagen, was sie von ihm hielt». Sie hatte ihren Besuch bereits gemacht; der Mut hatte sie aber verlassen, und niemand hätte liebenswürdiger und höflicher sein können als sie. Als Knabe war ich einmal auf Besuch bei Major B. dessen Frau geisteskrank war; sobald dies arme Geschöpf mich sah, geriet sie in furchtsames Entsetzen, weinte bitterlich und fragte mich immer wieder: «Kommt dein Vater?»; sie wurde aber bald beruhigt. Nach meiner Rückkehr fragte ich meinen Vater, warum sie so entsetzt gewesen wäre; er antwortete, er sei froh, dies zu hören, da er sie absichtlich in Schrecken versetzt habe in der Überzeugung, daß sie sicherer und viel glücklicher ohne irgendwelche Zwangsmaßregeln zu bewachen sein werde, wenn ihr Mann dadurch auf sie wirken könne, daß er, sobald sie irgendwie heftig und aufgeregt würde, den Vorschlag mache, nach Dr. Darwin zu schicken; und diese Worte hatten während ihres übrigen langen Lebens den besten Erfolg.

Mein Vater war sehr empfindsam, so daß viele kleine Vorkommnisse ihn sehr verstimmten oder schmerzlich berührten. Ich fragte ihn einst, als er alt war und nicht mehr gehen konnte, warum er nicht ausfahre, um sich etwas Bewegung zu machen; er antwortete: «Jede Straße außerhalb Shrewsburys ist in meinem Geist mit irgendeinem schmerzlichen Ereignis verknüpft.» Und doch war er meist sehr gut aufgelegt. Er wurde leicht sehr böse, seine Güte und sein Wohlwollen waren aber grenzenlos. Er wurde allgemein und von ganzem Herzen geliebt.

Er war ein vorsichtiger und guter Geschäftsmann, so daß er kaum jemals Geld durch irgendeine Anlage verlor und seinen Kindern ein sehr großes Vermögen hinterließ. Ich erinnere mich an eine Geschichte, die zeigt, wie leicht völlig falsche Gerüchte entstehen und sich verbreiten. Mr. E. ein Herr aus einer der ältesten Familien in Shropshire und Hauptteilhaber einer Bank, hatte Selbstmord begangen. Zur Einhaltung der Formalitäten wurde nach meinem Vater geschickt, der ihn tot vorfand. Um zu zeigen, wie solche Sachen in jenen alten Zeiten behandelt wurden, will ich beiläufig erwähnen, daß, weil Mr. E. ein ziemlich großer Herr und allgemein geachtet war, keine gerichtliche Untersuchung in dieser Angelegenheit stattfand. Auf dem Nachhausewege hielt es mein Vater doch für angemessen, in der Bank (wo er ein Konto hatte) vorzusprechen, um dem geschäftsführenden Teilhaber von dem Ereignis Mitteilung zu machen, da es nicht unwahrscheinlich war, daß es einen plötzlichen Sturm auf die Bank verursachen könne. Es wurde nun folgende Geschichte weit und breit herumgetragen: Mein Vater sei in die Bank gegangen, habe sein ganzes Geld abgehoben, die Bank dann verlassen, sei wieder zurückgekommen, habe gesagt: «Oh, ich will Ihnen nur eben erzählen, daß Mr. E. sich umgebracht hat», und sei dann fortgegangen. Es scheint damals ein allgemein verbreiteter Glaube gewesen zu sein, daß von einer Bank abgehobenes Geld nicht eher in Sicherheit sei, als bis der Träger durch die Tür der Bank hinausgegangen sei. Mein Vater hatte von dieser Geschichte erst einige Zeit später gehört, als ihm der geschäftsführende Teilhaber sagte, er sei von seiner ausnahmslos befolgten Regel, niemals irgend jemand zu gestatten, das Konto eines anderen einzusehen, insofern abgewichen, als er das Hauptbuch mit meines Vaters Konto mehreren Personen gezeigt habe, da er nur dadurch habe beweisen können, daß mein Vater an jenem Tage nicht einen Penny abgehoben habe. Es würde unehrenhaft von meinem Vater gewesen sein, seine durch seinen Beruf erhaltenen Informationen zu seinem Privatvorteil auszunutzen. Trotzdem wurde die vermutungsweise vorausgesetzte Handlungsweise von einigen Personen in hohem Grade bewundert. Viele Jahre später machte noch ein Herr die Bemerkung: «Ei, Doktor, was für ein glänzender Geschäftsmann waren Sie, daß Sie Ihr ganzes Geld so geschickt aus der Bank herausbekamen!»

Die Geistesrichtung meines Vaters war nicht wissenschaftlich, auch versuchte er nicht, seine Kenntnisse unter dem Gesichtswinkel allgemeiner Gesetze zusammenzufassen; doch machte er sich beinahe für alles, was ihm vorkam, eine Theorie. Ich glaube nicht, daß ich intellektuell viel durch ihn gewonnen habe; sein Beispiel muß aber für alle seine Kinder von großem moralischem Nutzen gewesen sein. Eine seiner goldenen Regeln (die sehr schwer zu befolgen war) lautete: «Werde nie der Freund eines Menschen, den du nicht achten kannst.»

Über den Vater meines Vaters – den Verfasser des «botanischen Gartens» und anderer Werke – habe ich alle Tatsachen, die ich in Erfahrung bringen konnte, in der von mir veröffentlichten Biographie zusammengefaßt.[3]

Nachdem ich so viel über meinen Vater erzählt habe, möchte ich einige wenige Worte über meinen Bruder und über meine Schwestern hinzufügen: Mein Bruder Erasmus besaß einen bemerkenswert klaren Verstand mit weitreichenden und verschiedenartigen Neigungen und Kenntnissen in Literatur, Kunst, und selbst in Naturwissenschaften. Eine kurze Zeit lang sammelte und trocknete er Pflanzen, und während einer etwas längeren Zeit machte er chemische Versuche. Er war äußerst sympathisch, und sein Witz erinnerte mich oft an den von Charles Lamb in dessen Briefen und Werken. Er war sehr gutherzig. Seine Gesundheit war seit seiner Knabenzeit zart gewesen, und infolgedessen besaß er nicht viel Energie. Seine Stimmung war nicht munter, zuweilen deprimiert, besonders während seiner frühen und mittleren Mannesjahre. Er las viel, sogar schon als Knabe, und ermunterte mich während unserer Schulzeit, auch zu lesen, indem er mir Bücher lieh.

Unsere Geistes- und Geschmacksrichtungen waren indessen so verschieden, daß ich nicht glaube, ihm wie auch meinen vier Schwestern, deren Charakterzüge äußerst verschieden und – bei einigen von ihnen – stark ausgeprägt waren, intellektuell viel zu verdanken. Während ihres ganzen Lebens verhielten sie sich alle sehr liebenswürdig und zärtlich mir gegenüber. Ich bin geneigt, mit Francis Galton darin übereinzustimmen, daß Erziehung und Umgebung nur eine geringe Wirkung auf den Geist eines jeden ausüben und daß die meisten unserer Eigenschaften angeboren sind.

Die obige Bemerkung über den Charakter meines Bruders habe ich geschrieben, bevor Carlyle seine Charakteristik in den «Erinnerungen» veröffentlichte, die meines Erachtens wenig der Wahrheit entspricht und keinen Wert besitzt.[4]

Blicke ich nun, so gut ich kann, auf meinen Charakter während meiner Schulzeit zurück, so waren die einzigen Eigenschaften in dieser Periode, die etwas Gutes für die Zukunft versprachen, die, daß ich stark ausgeprägte und verschiedenartige Neigungen, sehr viel Eifer für alles hatte, was mich nur irgend interessierte, und eine lebhafte Freude am Verstehen irgendeines komplizierten Themas oder Gegenstandes. Mir wurde von einem Privatlehrer Euklid beigebracht, und ich erinnere mich sehr deutlich der intensiven Befriedigung, die mir die klaren geometrischen Beweise gewährten. Mit gleicher Deutlichkeit erinnere ich mich des Entzückens, das mir mein Onkel (der Vater von Francis Galton) dadurch verschaffte, daß er mir das Prinzip der Einteilung am Barometer erklärte. Was andere, von Naturwissenschaften unabhängige Neigungen und Geschmacksrichtungen betrifft, so las ich verschiedene Bücher sehr gern und konnte stundenlang sitzen und Shakespeares historische Stücke lesen, meistens in einem alten Fenster in den dicken Mauern der Schule. Ich las auch andere poetische Werke, so Thomsons «Jahreszeiten» und die vor kurzem veröffentlichten Gedichte von Byron und Scott. Ich erwähne dies deshalb, weil ich zu meinem großen Bedauern später im Leben alle Freude an Poesie jeder Art, einschließlich Shakespeare, verloren habe. Im Zusammenhang mit der Freude an Poesie will ich noch anführen, daß im Jahre 1822, während einer Tour zu Pferde an den Grenzen von Wales, zum ersten Male lebhaftes Entzücken über eine Landschaft in mir erweckt wurde, und dies hat länger angehalten als irgendein anderes ästhetisches Vergnügen. In den frühen Tagen meiner Schulzeit besaß ein Schulkamerad ein Exemplar der «Wunder der Welt», das ich oft las; ich stritt mich mit anderen Knaben über die Wahrhaftigkeit einiger der darin enthaltenen Angaben, und ich glaube, daß dieses Buch erstmalig den Wunsch in mir anregte, in ferne Länder zu reisen, der mir schließlich durch die Fahrt der «Beagle» erfüllt wurde. In der letzten Zeit meines Schullebens wurde ich ein leidenschaftlicher Jäger; ich glaube, niemand hätte für die heiligste Sache mehr Eifer zeigen können als ich für Vogeljagd. Wie gut erinnere ich mich noch daran, wie ich meine erste Schnepfe geschossen hatte; meine Erregung war so groß, daß ich wegen des Zitterns meiner Hände nur mit Schwierigkeit meine Flinte wieder laden konnte. Diese Neigung hielt lange an, und ich wurde ein sehr guter Schütze. Als ich in Cambridge war, pflegte ich das Anlegen der Flinte vor einem Spiegel zu üben, um zu sehen, daß ich sie gerade anlegte. Eine andere und noch bessere Methode war die, von einem Freund eine angezündete Kerze hin und her bewegen zu lassen und dann mit einem Zündhütchen auf dem Zündkegel danach zu schießen; war gut gezielt worden, so blies der kleine Luftstoß das Licht aus. Die Explosion des Zündhütchens verursachte einen scharfen Knall, und mir wurde erzählt, daß der Tutor des College die Bemerkung machte: «Wie merkwürdig ist es doch: Mr. Darwin scheint ganze Stunden damit zu verbringen, mit einer Reitpeitsche zu knallen; denn ich höre oft den Knall, wenn ich unter seinen Fenstern vorbeigehe.»

Unter den Schulkameraden hatte ich viele Freunde, die ich sehr liebte, und ich glaube, daß meine Gemütsstimmung damals sehr liebevoll war. Einige dieser Knaben waren ziemlich begabt, aber entsprechend dem Prinzip «noscitur a socio»[5] muß ich hinzufügen, daß keiner von ihnen in der Folgezeit eine hervorragende Persönlichkeit wurde.

Was die Wissenschaft betrifft, so fuhr ich fort, mit großem Eifer Mineralien zu sammeln, aber völlig unwissenschaftlich – mir ging es nur darum, ein Mineral mit neuem Namen zu bekommen, doch ich versuchte kaum, diese zu klassifizieren. Insekten muß ich mit einer gewissen Sorgfalt beobachtet haben; denn als ich zehn Jahre alt war (1819), ging ich auf drei Wochen nach Plas Edwards an der Küste von Wales und war sehr angetan und überrascht vom Anblick eines großen schwarzen und scharlachroten wanzenartigen Insekts, vieler Nachtschmetterlinge (Zygaena) und einer Cicindela (Sandlaufkäfer), die alle in Shropshire nicht vorkommen. Ich entschloß mich beinahe, damit anzufangen, alle Insekten, die ich tot fand, zu sammeln; denn als ich meine Schwester befragte, kam ich zu dem Schluß, daß es nicht recht sei, Insekten nur deshalb zu töten, um eine Sammlung zusammenzustellen. Nachdem ich Whites «Selborne» gelesen hatte, bereitete es mir viel Freude, die Lebensgewohnheiten der Vögel zu beobachten, und ich machte mir sogar Notizen darüber. In meiner Einfalt wunderte ich mich, warum nicht alle Herren Ornithologen würden.

Gegen Ende meiner Schulzeit arbeitete mein Bruder sehr viel auf dem Gebiet der Chemie und richtete sich in dem Gerätehaus im Garten ein ganz hübsches Laboratorium mit den entsprechenden Apparaten ein; mir wurde erlaubt, ihm bei den meisten seiner Experimente zu helfen. Er stellte alle möglichen Gase und viele Verbindungen her, und ich las sorgfältig mehrere Bücher über Chemie, zum Beispiel den «Chemischen Katechismus» von Henry und Parkes. Der Gegenstand interessierte mich sehr, und wir dehnten häufig unsere Arbeiten bis spät in die Nacht aus. Dies war der beste Teil meiner Erziehung während meiner Schulzeit, denn er zeigte mir praktisch die Bedeutung experimenteller Wissenschaft. Die Tatsache, daß wir uns mit Chemie beschäftigten, wurde in der Schule auf irgendeine Weise bekannt, und da es ein noch nicht dagewesener Fall war, erhielt ich den Spitznamen «Gas». Einmal wurde ich auch vom Direktor der Schule, Dr. Butler, öffentlich zurechtgewiesen, daß ich meine Zeit mit derartigen nutzlosen Dingen verschwendete, und er nannte mich sehr ungerechterweise einen «poco curante»; da ich nicht verstand, was er damit meinte, hielt ich es für einen fürchterlichen Vorwurf.

Da ich auf der Schule nichts Rechtes zuwege brachte, nahm mich mein Vater sehr weise in einem etwas früheren Alter als gewöhnlich von der Schule und schickte mich (Oktober 1825) mit meinem Bruder auf die Universität Edinburgh, wo ich zwei Jahre oder Sessionen lang blieb. Mein Bruder beendete sein Medizinstudium, obschon ich nicht glaube, daß er je wirklich die Absicht gehabt hat zu praktizieren; ich wurde hingeschickt, um es anzufangen. Bald nach dieser Zeit aber kam ich durch verschiedene kleine Umstände zu der Überzeugung, daß mir mein Vater Vermögen genug hinterlassen würde, um mit einiger Bequemlichkeit davon zu leben, obgleich ich mir niemals einbildete, daß ich einmal ein so wohlhabender Mann sein würde, wie ich es bin; mein Glaube reichte aber doch aus, um jede ernste Anstrengung, Medizin zu studieren, zu hemmen.

Der Unterricht in Edinburgh bestand ganz und gar aus Vorlesungen, und diese waren unerträglich langweilig, mit Ausnahme derjenigen über Chemie bei Hope; meiner Auffassung nach haben aber Vorlesungen im Vergleich mit dem eigenen Lesen keinen Vorteil, dagegen viele Nachteile. An Dr. Duncans Vorlesungen über Materia medica an jedem Wintermorgen um 8 Uhr erinnere ich mich nur mit Schrecken. Dr. Monros Vorlesungen über menschliche Anatomie waren so langweilig wie er selbst war, und der Gegenstand widerte mich an. Es gehört zu den unglücklichsten Umständen in meinem Leben, wie ich später erfahren habe, daß ich nicht zum Sezieren angehalten worden bin; denn meinen Widerwillen würde ich bald überwunden haben, und die Übung wäre für meine ganze spätere Tätigkeit unschätzbar gewesen. Dies ist ein nicht wiedergutzumachendes Übel, ebenso wie meine Unfähigkeit zu zeichnen. Ich besuchte auch regelmäßig die klinischen Abteilungen im Hospital. Einige der Fälle machten mich sehr unglücklich, und von manchen stehen noch immer lebendige Bilder vor mir; ich war aber nicht so töricht, meine Besuche deshalb einzuschränken. Ich kann es nicht verstehen, warum dieser Teil meines Medizinstudiums mich nicht in höherem Maße interessiert hat; denn während des Sommers, ehe ich nach Edinburgh kam, hatte ich angefangen, manche von den armen Leuten in Shrewsbury, namentlich Kinder und Frauen, zu besuchen: Ich schrieb einen möglichst ausführlichen Bericht über jeden Fall mit allen Symptomen und las dieselben meinem Vater vor, der dann weitere Untersuchungen vorschlug und mir riet, welche Arzneien ich geben solle, die ich dann selbst herstellte. Zu einer Zeit hatte ich einmal mindestens ein Dutzend Patienten, und meine Tätigkeit interessierte mich sehr stark. Mein Vater, der bei weitem das beste Urteil über Charaktere besaß, das ich kennengelernt habe, erklärte, daß ich als Arzt Erfolg haben würde, womit er meinte, daß ich viele Patienten bekommen würde. Er behauptete, daß das hauptsächlichste Element des Erfolgs die Gabe sei, Vertrauen zu erwecken; was er aber in mir als besonders vertrauenerweckend erkannt hat, weiß ich nicht. Ich besuchte auch bei zwei Gelegenheiten den Operationssaal im Krankenhaus von Edinburgh und sah zwei sehr schwere Operationen, die eine an einem Kind; ich lief aber davon, ehe sie zu Ende gebracht waren. Auch habe ich nie einer weiteren beigewohnt, denn kaum irgendeine Versuchung hätte stark genug sein können, mich dazu zu bringen; das war lange vor der gesegneten Zeit des Chloroforms. Die beiden Fälle haben mich noch viele Jahre lang gequält.

Mein Bruder blieb nur ein Jahr auf der Universität, so daß ich während des zweiten Jahres auf meine eigenen Hilfsquellen angewiesen war; das war für mich von Vorteil, da ich mit mehreren jungen Leuten, die die Naturwissenschaften liebten, gut bekannt wurde. Einer von ihnen war Ainsworth, der später die Schilderung seiner Reisen in Assyrien herausgab; er war ein Geologe aus der Wernerschen Schule und wußte einiges in vielen Dingen, war aber oberflächlich und recht zungengewandt. Dr. Coldstream war ein sehr verschieden veranlagter junger Mann, fein, formell, sehr religiös und äußerst gutherzig; er hat später mehrere gute zoologische Aufsätze veröffentlicht. Ein dritter unter den jungen Leuten war Hardie, der, wie ich glaube, ein tüchtiger Botaniker geworden wäre, aber in Indien früh starb; endlich Dr. Grant, mehrere Jahre älter als ich. Ich kann mich nicht entsinnen, wie ich mit ihm bekannt geworden war; er veröffentlichte mehrere ausgezeichnete zoologische Abhandlungen, hat aber, nachdem er als Professor an das University College in London gekommen war, nichts weiter in der Wissenschaft getan, eine Tatsache, die mir immer unerklärlich gewesen ist. Ich kannte ihn sehr gut; er war trocken und formell in seinem Wesen, hatte aber viel Enthusiasmus in sich. Als wir eines Tages miteinander spazierengingen, brach er in hohe Bewunderung über Lamarck und dessen Ansichten über die Entwicklung aus. Ich hörte in schweigendem Erstaunen zu, und ohne daß es, soweit ich es beurteilen kann, irgendeine Wirkung auf meinen Geist hervorgebracht hätte. Ich hatte vorher die «Zoonomia» meines Großvaters gelesen, in der ähnliche Ansichten enthalten waren, aber ohne daß es irgendeinen Einfluß auf mich ausgeübt hätte. Nichtsdestoweniger ist es immerhin wahrscheinlich, daß der Umstand, daß ich früh im Leben derartige Ansichten habe vertreten und loben hören, es begünstigt hat, daß ich dieselben in einer anderen Form in meiner «Entstehung der Arten» dargelegt habe. In dieser Zeit bewunderte ich die «Zoonomia» in hohem Maße; als ich sie aber nach einem Zeitraum von zehn oder fünfzehn Jahren ein zweites Mal las, war ich sehr enttäuscht; das Mißverhältnis zwischen der Spekulation und den mitgeteilten Tatsachen ist darin so groß.

Dr. Grant und Dr. Coldstream widmeten der Naturgeschichte der Seetiere viel Aufmerksamkeit; den ersteren begleitete ich häufig, um Tiere in den Gezeitentümpeln zu sammeln, die ich dann, so gut es ging, sezierte. Ich befreundete mich auch mit mehreren Fischern in Newhaven und begleitete sie manchmal, wenn sie mit Schleppnetzen nach Austern fischten, und erlangte auf diese Weise viele Exemplare. Da ich mich aber niemals regelmäßig im Sezieren geübt hatte und nur ein sehr schlechtes Mikroskop besaß, waren meine Versuche sehr bescheiden. Trotzdem machte ich eine kleine interessante Entdeckung und hielt ungefähr Anfang des Jahres 1826 einen kurzen Vortrag über den Gegenstand vor der Plinian Society.[6] Die Entdeckung bestand darin, daß die sogenannten Eier von Flustra (Blättermoostierchen) das Vermögen der selbständigen Bewegung mittels Wimpern besaßen und in der Tat Larven waren. In einem anderen kleinen Vortrag wies ich nach, daß die kleinen kugeligen Körper, die man für das Jugendstadium von Fuchs loreus (Riementang) gehalten hatte, nichts anderes waren als die Eikapseln der wurmartigen Pontobdella muricata (Rochenegel).

Die Plinian Society wurde von Professor Jameson sehr gefördert und war, glaube ich, von ihm gegründet worden; sie bestand aus Studenten und versammelte sich in einem Zimmer im Souterrain der Universität, um Vorträge über Naturwissenschaften zu halten und darüber zu diskutieren. Ich pflegte sie regelmäßig zu besuchen, und die Versammlungen übten dadurch einen guten Einfluß auf mich aus, daß sie meinen Eifer anspornten und mir neue geistesverwandte Bekanntschaften vermittelten. Eines Abends erhob sich ein armer junger Mann, stotterte eine endlose Zeit herum, wurde purpurrot und brachte endlich langsam die Worte heraus: «Herr Präsident, ich habe vergessen, was ich sagen wollte.» Der arme Kerl sah ganz niedergeschlagen aus, und sämtliche Mitglieder waren so überrascht, daß auch nicht einem irgendein Wort einfiel, seine Verwirrung zu beschönigen. Die Vorträge, die in unserer kleinen Gesellschaft gehalten worden waren, wurden nicht gedruckt, so daß ich nicht die Genugtuung hatte, meine Abhandlung gedruckt zu sehen; ich glaube aber, Dr. Grant hat meine kleine Entdeckung in seiner ausgezeichneten Abhandlung über Flustra erwähnt.

Ich war auch Mitglied der Royal Medical Society und besuchte sie ziemlich regelmäßig; da aber die dort behandelten Fragen ausschließlich medizinisch waren, kümmerte ich mich nur wenig um sie. Es wurde dort viel unnützes Zeug gesprochen, doch fanden sich auch einige gute Redner, unter denen der jetzige Sir J. Kay-Shuttleworth der beste war. Dr. Grant nahm mich gelegentlich mit in die Sitzungen der Wernerian Society[7] , wo verschiedene Vorträge über Naturgeschichte gehalten, diskutiert und später in den «Transactions» veröffentlicht wurden. Ich habe dort Audubon einige interessante Vorträge über die Lebensweise nordamerikanischer Vögel halten hören, in denen er in etwas ungerechter Weise über Waterton spöttelte. Übrigens, es lebte damals ein Neger in Edinburgh, der mit Waterton gereist war und sich seinen Lebensunterhalt durch das Ausstopfen von Vögeln verdiente, was er ausgezeichnet verstand; er erteilte mir gegen Bezahlung darin Unterricht, und ich pflegte oft bei ihm zu sitzen, denn er war ein sehr angenehmer und intelligenter Mensch.

Mr. Leonard Horner nahm mich auch einmal mit in eine Sitzung der Royal Society von Edinburgh, wo ich Sir Walter Scott als Präsidenten sah; er entschuldigte sich vor der Versammlung, daß er sich nicht für geeignet halte, eine solche Stellung zu bekleiden. Ich betrachtete ihn und die ganze Szene mit einer gewissen ehrfürchtigen Scheu, und ich glaube, ich habe dem Umstand, daß ich während meiner Jugend dieser Sitzung beiwohnte und die Royal Medical Society besucht habe, es zuzuschreiben, daß, als ich vor wenigen Jahren Ehrenmitglied der beiden Gesellschaften wurde, diese Auszeichnung mehr als irgendwelche andere ähnliche Ehren empfunden habe. Wenn man mir zu jener Zeit gesagt hätte, daß ich eines Tages einmal so geehrt werden würde, so behaupte ich, würde ich es für ebenso lächerlich und unwahrscheinlich gehalten haben, als wenn man mir gesagt hätte, daß ich zum König von England erwählt worden sei.

Während meines zweiten Jahres in Edinburgh besuchte ich Jamesons Vorlesungen über Geologie und Zoologie; sie waren aber unglaublich langweilig. Die einzige Wirkung, die sie auf mich hervorbrachten, war der Entschluß, niemals, solange ich lebte, ein Buch über Geologie zu lesen oder in irgendeiner Weise diese Wissenschaft zu studieren. Und doch bin ich dessen gewiß, daß ich auf eine philosophische Behandlung des Gegenstandes vorbereitet war, denn ein alter Mr. Cotton in Shropshire, der von Gesteinen ziemlich viel wußte, hatte mich zwei oder drei Jahre früher auf einen bekannten großen Findlingsblock in der Stadt Shrewsbury, der «bell-stone» genannt wurde, aufmerksam gemacht und mir gesagt, daß ein Gestein von derselben Art an keinem näheren Ort als in Cumberland oder Schottland zu finden sei, wobei er mir feierlich die Versicherung gab, daß die Welt eher untergehen würde, ehe irgend jemand imstande sein würde zu erklären, wie der Stein an den Ort, wo er jetzt lag, gekommen sei. Dies machte einen tiefen Eindruck auf mich, und ich habe lange über diesen wunderbaren Stein nachgedacht. Ich empfand daher das größte Entzücken, als ich zum ersten Male von der Fähigkeit der Eisberge, erratische Blöcke[8] fortzuführen, las und ich war stolz auf die Fortschritte der Geologie. Ebenso verblüffend ist die Tatsache, daß ich, obschon jetzt siebenundsechzig Jahre alt, den Professor Jameson auf einer Exkursion zu den Salisbury Craigs über einen Trappgang, mit amygdaloiden (mandelförmigen) Rändern und auf beiden Seiten mit verdichteten Schichten und rings von vulkanischen Gesteinen umgeben, sich verbreiten und sagen hörte, daß es eine von oben her mit Sediment ausgefüllte Spalte sei, wobei er spöttelnd hinzufügte, es gebe Leute, die behaupteten, der Gang habe von unten her im geschmolzenen Zustande die Spalte gefüllt. Wenn ich an diese Vorlesung denke, so wundere ich mich nicht, daß ich mich entschloß, mich niemals mit Geologie zu befassen.

Durch den Besuch von Jamesons Vorlesungen wurde ich mit dem Kurator des Museums, Mr. Macgillivray, bekannt, der später ein großes und ausgezeichnetes Buch über die Vögel von Schottland herausgegeben hat. Er war nicht sehr auf sein Äußeres und seine Manieren bedacht, aber ich habe mit ihm sehr interessante Gespräche über Naturgeschichte geführt, und er war sehr freundlich zu mir. Er gab mir einige seltene Muscheln, denn zu jener Zeit sammelte ich Meeresmollusken, aber ohne sonderlichen Eifer.

Meine Sommerferien während dieser zwei Jahre waren gänzlich dem Vergnügen gewidmet, obschon ich immer irgendein Buch bei der Hand hatte, das ich mit Interesse las. Während des Sommers 1826 unternahm ich mit zwei Freunden eine lange Fußwanderung mit dem Tornister auf dem Rücken durch Nordwales. An den meisten Tagen gingen wir dreißig Meilen, einschließlich der Besteigung des Snowdon[9] an einem Tage. Ich machte auch mit meiner Schwester Caroline eine Tour zu Pferde durch Nordwales, wobei uns ein Diener unsere Sachen in Satteltaschen nachbrachte. Die Herbstzeit war der Jagd gewidmet, hauptsächlich bei Mr. Owen in Woodhouse[10] und bei meinem Onkel Jos (Josiah Wedgwood) in Maer. Mein Eifer war dabei so groß, daß ich meine Jagdstiefel zum Anziehen fertig an mein Bett zu stellen pflegte, wenn ich zu Bett ging, damit ich nicht eine halbe Minute Zeit beim Anziehen derselben am anderen Morgen verlöre, und bei einer Gelegenheit erreichte ich einen entfernt gelegenen Teil der Besitzung Maer am 20. August zur Birkhuhnjagd, noch ehe es hell wurde. Ich habe dann mit dem Wildhüter den ganzen Tag lang dichte Heide und jungen Fichtenwald durchstreift. Ich führte ein genaues Tagebuch über alle Vögel, die ich während der ganzen Jagdzeit schoß. Als ich eines Tages in Woodhouse mit Captain Owen, dem ältesten Sohn, und Major Hill, seinem Vetter, später Lord Berwick, auf der Jagd war, glaubte ich, man behandle mich ganz schändlich; denn jedesmal, nachdem ich geschossen und gemeint hatte, den Vogel getroffen zu haben, tat einer von den beiden immer so, als lade er seine Flinte wieder, und rief mir zu: «Sie dürfen den Vogel nicht rechnen, da ich gleichzeitig geschossen habe!» Der Wildhüter, der den Scherz verstand, unterstützte sie. Nach ein paar Stunden erzählten sie mir den Scherz; für mich war es aber kein Spaß, denn ich hatte eine große Anzahl von Vögeln geschossen, wußte aber nun nicht, wie viele, und konnte sie daher nicht auf meine Liste setzen, welche ich so zu führen pflegte, daß ich in eine in das Knopfloch gebundene Schnur einen Knoten machte. Das hatten meine bösen Freunde bemerkt.

Wie sehr genoß ich doch die Freuden der Jagd! Ich glaube aber, ich muß doch halb unbewußt über meinen Eifer beschämt gewesen sein, denn ich versuchte mich zu überreden, daß das Jagen beinahe eine intellektuelle Betätigung sei; es erforderte so viel Geschicklichkeit, zu beurteilen, wo das meiste Wild zu finden sei, und die Hunde gut zu führen.

Einer meiner herbstlichen Besuche in Maer im Jahre 1827 war mir deshalb denkwürdig, weil ich dort Sir J. Mackintosh traf, der der beste Unterhalter war, dem ich je zugehört habe. Ich erfuhr später mit einem Anflug von Stolz, daß er von mir gesagt hatte: «In dem jungen Mann steckt etwas, was mich interessiert.» Dies muß hauptsächlich eine Folge des Umstandes gewesen sein, daß ich alles, was er sagte, mit großem Interesse anhörte; denn was seine Themen aus der Geschichte, Politik oder Moralphilosophie betraf, war ich so unwissend wie ein Esel. Aus dem Munde einer ausgezeichneten Persönlichkeit Lob zu erhalten, ist, obgleich dadurch leicht oder ganz sicher die Eitelkeit angeregt wird, doch, wie ich meine, gut für einen jungen Mann, da es ihm hilft, auf dem rechten Wege zu bleiben.

Meine Besuche in Maer während dieser zwei oder drei aufeinanderfolgenden Jahre waren ganz entzückend, ganz abgesehen von dem herbstlichen Jagdvergnügen. Das Leben war dort vollkommen frei; die Gegend war sehr geeignet zum Spazierengehen wie zum Reiten; am Abend fand sich viel sehr angenehme Unterhaltung, nicht so persönlicher Art, wie es in großen Familiengesellschaften meistens der Fall ist, und außerdem Musik. Im Sommer pflegte die ganze Familie häufig auf den Stufen der alten Säulenvorhalle zu sitzen, vor sich den Blumengarten; der steil abfallende bewaldete Abhang gegenüber dem Hause spiegelte sich in dem See, aus welchem dann und wann ein Fisch hervorschnellte oder auf dem ein Wasservogel herumruderte. Nichts hat ein lebendigeres Bild in meiner Seele hinterlassen als jene Abende in Maer. Ich hing auch mit großer Liebe und Verehrung an meinem Onkel Jos; er war schweigsam und zurückhaltend, so daß man ihn mit einer gewissen ehrfürchtigen Scheu betrachtete; zuweilen sprach er aber ganz offen und frei mit mir. Er war ganz der Typus eines aufrichtigen Menschen mit dem klarsten Urteil. Ich glaube, daß keine Gewalt der Erde ihn dazu hätte bringen können, auch nur einen Zollbreit von dem abzuweichen, was er für den rechten Weg hielt. Ich pflegte auf ihn im Geiste die bekannte Ode des Horaz anzuwenden, die ich jetzt wieder vergessen habe, in welcher aber die Worte vorkommen: «nec vultus tyranni» etc. [11]



[1] Der Besitz von Darwins Onkel Josiah Wedgwood in Shropshire, etwa 50 Kilometer von Shrewsbury entfernt.
[2] Aristokratischer Klub in London. Nach der Satzung dieses Klubs wurden jährlich einige hervorragende Vertreter der Wissenschaft, der Literatur und der Kunst sowie hervorragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens als Mitglieder aufgenommen. Darwin war im Jahre 1838 Mitglied geworden.
[3] Im Jahre 1879 organisierte Charles Darwin die Übersetzung des Artikels des bekannten deutschen Darwinisten Ernst Krause über die evolutionistischen Anschauungen von Erasmus Darwin ins Englische. Der Übersetzung stellte Charles Darwin eine Lebensskizze von Erasmus Darwin voran, die er anhand der Materialien der Familienarchive geschrieben hatte.
[4] Darwin hat den Einschub über seinen Vater und seinen Bruder 1877 oder 1878 geschrieben. Der Schlußsatz kann jedoch erst 1881 hinzugefügt worden sein, nach dem Erscheinen von Carlyles ›Reminiscences‹, in denen Erasmus Darwin kurz charakterisiert wird.
[5] «Man erfährt es von einem Gefährten.»
[6] Nach dem römischen Schriftsteller und Naturforscher Plinius d. Ä. benannte naturwissenschaftliche Gesellschaft, die 1823 in Edinburgh gegründet wurde und ungefähr ein Vierteljahrhundert bestand. Darwin trat ihr am 28. November 1826 bei.
[7] Von R. Jameson 1808 gegründete naturwissenschaftliche Gesellschaft, benannt nach dem Freiberger Gelehrten Werner.
[8] Felsblock, der mit Gletschern oder Inlandeis weit von seiner Heimat verschleppt worden ist. Eine unzulängliche Erklärung für das Antreffen erratischer Blöcke aufgrund von »Überschwemmungen« ließ eine andere Theorie entstehen, nach der die Blöcke durch schwimmende Eisberge transportiert worden sind. Erst Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts wurde von Louis Agassiz die Gletschertheorie aufgestellt.
[9] Der höchste Berg von England und Wales (1085 m).
[10] Gutsbesitzer; mit den Darwins eng befreundet.
[11] Darwin meint die erste Strophe der Römerode (III, 3); sie lautet: Iustumet tenacem propositi virum / non civium ardor prava iubentium, / non voltus instantis tyranni / mente quatit solida… – Den edlen, seinem Vorsatz treuen Mann / erschüttert nicht in seinem festen Sinn die Glut der Bürger, / welche Unrecht heischen, nicht des Tyrannen drohender Blick… (Q. Horatius Flaccus: Oden und Epoden. Lateinisch und Deutsch. Übersetzt von Christian Friedrich Karl Herzlieb und Johann Peter Uz. Zürich, München 1981, S. 190/191).



Als der Herausgeber einer deutschen Zeitschrift an mich geschrieben hatte wegen einer Darstellung der Entwicklung meines Geistes und Charakters sowie einer Skizze meiner Autobiographie, kam mir der Gedanke, daß ein solcher Versuch mir Freude bereiten und möglicherweise auch meine Kinder oder deren Kinder interessieren würde. Ich weiß, daß es mich in hohem Grade interessiert haben würde, wenn ich auch nur eine so kurze und langweilige Skizze vom Geiste meines Großvaters, von ihm selbst geschrieben, hätte lesen können, und was er gedacht und getan und wie er gearbeitet hat. Ich habe versucht, die folgende Schilderung über mich so zu schreiben, als wäre ich ein Verstorbener in einer anderen Welt, der auf sein eigenes Leben zurückblickt. Auch ist mir das nicht schwergefallen, denn das Leben ist für mich nahezu vorüber. Ich habe mir keinerlei Mühe in bezug auf den Stil gegeben.

Ich wurde in Shrewsbury am 12. Februar 1809 geboren. Ich bekam von meinem Vater zu hören, daß seiner Meinung nach Menschen mit einem starken Gedächtnis gewöhnlich ein Erinnerungsvermögen besitzen, das weit zurück zu einer sehr frühen Periode ihres Lebens reicht. So verhielt es sich nicht mit mir, denn meine früheste Erinnerung reicht nur bis dahin zurück, wo ich wenig Monate über vier Jahre alt war, als wir in die Nähe von Abergele in das Seebad fuhren; ich erinnere mich einiger jener Ereignisse und Örtlichkeiten mit einer gewissen Deutlichkeit.

Meine Mutter starb im Juli 1817, als ich wenig über acht Jahre alt war, und es ist seltsam, daß ich mich kaum an irgend etwas in bezug auf sie erinnern kann, ausgenommen an ihr Sterbelager, ihr schwarzes Samtkleid und ihren eigentümlich gebauten Arbeitstisch. Ich denke, daß dieses Vergessen teilweise meinen Schwestern zuzuschreiben ist, die durch ihren Tod so tief betrübt waren, daß sie niemals von ihr sprechen oder ihren Namen erwähnen konnten, teilweise aber auch ihrem kranken Zustand, in dem sie sich vor ihrem Tode befand. Im Frühling jenes Jahres wurde ich in eine Tagesschule in Shrewsbury geschickt, wo ich ein Jahr lang blieb. Bevor ich in die Schule kam, beschäftigte sich meine Schwester Caroline mit mir, aber ich hege Zweifel, ob dieser Unterricht erfolgreich verlief. Man hat mir gesagt, daß ich im Lernen viel langsamer gewesen sei als meine jüngere Schwester Catherine, und ich glaube, ich war in vielen Beziehungen ein kleiner Taugenichts. Caroline war im höchsten Maße freundlich, fähig und fleißig, aber sie legte in dem Bestreben, mich zu bessern, einen etwas zu großen Eifer an den Tag; denn ich kann mich auch jetzt, nach so vielen Jahren, noch genau daran erinnern, wie ich mir beim Betreten des Zimmers, in dem sie sich befand, sagte: «Wofür wird sie mich denn jetzt schon wieder tadeln?» Und ich faßte starrsinnig den Vorsatz, mich vollständig gleichgültig all dem gegenüber zu verhalten, was sie auch sagen möge.

In der Zeit, als ich in diese Tagesschule ging, entwickelte sich schon auffallend meine Neigung zur Naturgeschichte und ganz besonders zum Sammeln. Ich versuchte, die Namen der Pflanzen zu erfahren, und sammelte alle möglichen Sachen, Muscheln, Siegel, Frankaturen, Münzen und Mineralien. Die Leidenschaft für das Sammeln, die den Menschen dazu führt, ein systematischer Naturforscher, ein Kunstliebhaber oder ein Geizhals zu werden, war sehr stark bei mir und offenbar angeboren, da keines meiner Geschwister, weder mein Bruder noch meine Schwestern, je diese Neigung gehabt hat.

Eine kleine Begebenheit aus diesem Jahre hat sich meinem Geiste sehr fest eingeprägt, und ich nehme an, daß dies deshalb geschah, weil mein Gewissen dadurch später sehr belastet war; sie ist darum merkwürdig, da sie zeigt, daß ich mich offenbar schon in diesem frühen Alter für die Variabilität der Pflanzen interessiert habe! Ich erzählte einem andern kleinen Jungen (ich glaube, es war Leighton, der später ein bekannter Lichenologe und Botaniker wurde), daß ich verschieden gefärbte Schlüsselblumen und Primeln hervorbringen könne, indem ich sie mit gewissen farbigen Flüssigkeiten begösse, was natürlich eine ungeheuerliche Lüge und niemals von mir versucht worden war. Ich will hier auch bekennen, daß ich als kleiner Junge sehr dazu neigte, unwahre Geschichten zu erfinden, und dies geschah immer zu dem Zwecke, Aufregung hervorzurufen. So pflückte ich zum Beispiel einmal viel wertvolles Obst von meines Vaters Bäumen, verbarg es im Gebüsch und rannte dann in atemloser Eile, um die Neuigkeit mitzuteilen, daß ich einen Haufen gestohlenes Obst gefunden hätte.

Ungefähr zu dieser Zeit oder, wie ich hoffe, etwas früher stahl ich von Zeit zu Zeit Obst, das ich zu vernaschen gedachte. Dabei entbehrte eine meiner Methoden nicht eines gewissen Erfindungsgeistes. Der Garten, der abends verschlossen wurde, war von einer hohen Mauer umgeben, die ich aber leicht von benachbarten Bäumen aus besteigen konnte. Danach steckte ich in die Bodenöffnung eines ziemlich großen Blumentopfes einen langen Stab. Mit dem Rand des Blumentopfes streifte ich Pfirsiche und Pflaumen ab, die in den Topf fielen, und ich hatte somit die gewünschte Beute in Sicherheit. Ich entsinne mich noch, wie ich als sehr kleiner Bube Äpfel im Garten stahl, um damit einige Knaben und junge Männer zu versorgen, die in einem nahen Landhaus wohnten. Aber bevor ich ihnen die Früchte reichte, zeigte ich ihnen prahlerisch, wie schnell ich laufen konnte, und, wie verwunderlich es auch sein mag, ich konnte einfach nicht begreifen, daß ihr Erstaunen und ihre Begeisterung über meine Fähigkeit zu laufen nur eines zum Ziele hatten: Äpfel zu erhalten. Aber ich entsinne mich noch gut, wie mich ihre Worte, sie hätten noch nie einen Knaben gesehen, der so schnell laufen könne, in Begeisterung versetzten!

Aus diesem Jahre, als ich in Mr. Cases Tagesschule war, erinnere ich mich nur noch eines anderen Ereignisses deutlich, nämlich des Begräbnisses eines Dragoners. Es ist überraschend, wie deutlich ich noch das Pferd, die leeren Stiefel und den Karabiner, der am Sattel aufgehängt war, sowie die Gewehrsalven über dem Grab vor mir sehe. Diese Szene wühlte tief all das auf, was nur an poetischer Einbildung in mir vorhanden war.

Im Sommer 1818 kam ich in Dr. Butlers große Schule in Shrewsbury und blieb dort sieben Jahre bis zum Mittsommer 1825, in dem ich sechzehn Jahre alt war. Ich lebte ganz in der Schule, so daß ich den großen Vorteil genoß, das Leben eines echten Schülers führen zu können; da aber die Entfernung bis zu meinem Vaterhaus kaum mehr als eine Meile betrug, lief ich sehr häufig in den längeren Pausen zwischen dem Aufgerufenwerden und vor dem abendlichen Zuschließen hinüber. Ich glaube, dies war in mancher Hinsicht für mich von Nutzen, da es meine Anhänglichkeit an das Haus und mein Interesse an ihm lebendig erhielt. Ich erinnere mich, daß ich in der ersten Zeit meines Schulbesuchs oft sehr schnell laufen mußte, um zur rechten Zeit da zu sein. Da ich ausgezeichnet laufen konnte, war ich auch meistens erfolgreich; beschlichen mich aber Zweifel, so bat ich Gott ernstlich, mir zu helfen, und ich erinnere mich sehr gut, daß ich meinen Erfolg den Gebeten und nicht meinem schnellen Laufen zuschrieb und daß ich mich wunderte, wie oft mir geholfen wurde.

Ich habe meinen Vater und meine älteren Schwestern erzählen hören, daß ich als ganz junger Knabe eine große Neigung zu langen einsamen Spaziergängen gehabt hätte; was ich mir aber dabei überlegt habe, weiß ich nicht. Ich war oft ganz versunken, und als ich einmal oben auf den alten Festungswerken, die Shrewsbury umgeben und in einen öffentlichen Fußweg umgewandelt worden waren, der auf der einen Seite kein Geländer hatte, zur Schule zurückkehrte, trat ich fehl und stürzte hinunter. Die Höhe betrug aber nur sieben oder acht Fuß. Trotzdem war die Zahl der Gedanken, die mir während dieses sehr kurzen, aber plötzlichen und völlig unerwarteten Falles durch den Kopf gingen, erstaunlich groß und scheint kaum mit dem vereinbar zu sein, was die Physiologen, wie ich glaube, bewiesen haben, daß jeder Gedanke eine recht beträchtliche Zeitspanne erfordert.

Ich muß, als ich in die Schule zu gehen begann, ein sehr einfältiger kleiner Kerl gewesen sein. Ein Junge namens Garnett nahm mich eines Tages mit in einen Kuchenladen und kaufte ein paar Kuchen, welche er nicht bezahlte, da ihm der Ladenbesitzer traute. Als wir herauskamen, fragte ich ihn, warum er die Kuchen nicht bezahlt habe. Er antwortete augenblicklich: «Ja, weißt du denn nicht, daß mein Onkel der Stadt eine große Summe Geld hinterlassen hat unter der Bedingung, daß jeder Kaufmann das Gewünschte ohne Bezahlung einem jeden zu geben habe, der seinen alten Hut trüge und ihn in einer besonderen Manier schwenke?» Dabei zeigte er mir, wie er geschwenkt wird. Er ging dann in einen anderen Laden, in dem er Kredit hatte, fragte nach irgendeinem kleinen Gegenstand, bewegte seinen Hut in der gehörigen Art und erhielt natürlich die Sache ohne Bezahlung. Als wir herauskamen, sagte er: «Wenn du nun einmal selbst Lust hast, in den Kuchenladen dort zu gehen (wie gut erinnere ich mich noch genau seiner Lage!), so will ich dir meinen Hut borgen, und du kannst dann bekommen, was du nur immer willst; du brauchst nur den Hut in der gehörigen Weise zu schwenken.» Ich nahm sehr erfreut das hochherzige Anerbieten an, ging hinein, verlangte ein paar Kuchen, schwenkte den Hut und war im Begriff, aus dem Laden hinauszugehen, als der Besitzer auf mich losstürzte. Ich ließ die Kuchen fallen, nahm Reißaus und war höchst erstaunt, von meinem falschen Freund Garnett mit brüllendem Gelächter begrüßt zu werden.

Ich kann zu meinen Gunsten sagen, daß ich als Knabe human war; ich verdankte das aber gänzlich der Lehre und dem Beispiel meiner Schwestern. Ich bezweifle in der Tat, daß die Humanität eine natürliche oder angeborene Eigenschaft ist. Es machte mir viel Freude, Vogeleier zu sammeln. Ich nahm aber niemals mehr als ein einziges Ei aus einem Nest, ausgenommen bei einer einzigen Gelegenheit, bei der ich sie alle nahm, aber nicht ihres Wertes wegen, sondern als eine Art Bravourstückchen.

Ich hatte eine große Vorliebe für das Angeln und hätte jede beliebige Zahl von Stunden am Ufer eines Flusses oder Teiches sitzen und den Schwimmer beobachten können. Als ich in Maer[1] war, wurde mir gesagt, daß ich die Würmer mit Salzwasser töten könne, und von dem Tage an habe ich niemals wieder einen lebendigen Wurm angesteckt, wenn auch wahrscheinlich auf Kosten eines geringeren Erfolgs.

Einmal, als ich noch ein sehr kleiner Junge war – ich ging wohl schon in die Tagesschule, oder es war noch früher –, handelte ich grausam: Ich schlug ein junges Hündchen, wie ich glaube, einfach in dem freudigen Gefühl der Kraft; doch kann das Schlagen nicht derb gewesen sein, weil das Hündchen nicht heulte, wessen ich ganz sicher bin, da das ganz in der Nähe des Hauses geschah. Diese Tat hat mich sehr bedrückt; denn ich erinnere mich heute noch genau der Stelle, wo das Verbrechen begangen wurde. Es belastete mich wahrscheinlich um so schwerer, als damals und noch lange Zeit danach meine Liebe zu Hunden geradezu eine Leidenschaft war. Die Hunde schienen dies zu spüren; denn ich vermochte es, ihre Liebe ihren Herren zu rauben.

Nichts hätte für die Entwicklung meines Geistes schlimmer sein können als Dr. Butlers Schule, da sie ausschließlich klassisch war und in ihr außer alten Sprachen nur noch ein wenig alte Geographie und Geschichte gelehrt wurde. Daß die Schule ein Mittel der Erziehung sei, war mir einfach unbegreiflich. Während meines ganzen Lebens bin ich völlig unfähig gewesen, irgendeine Sprache zu beherrschen. Besondere Aufmerksamkeit wurde dem Versemachen gewidmet, und dies wollte mir nie ordentlich gelingen. Ich hatte viele Freunde und brachte eine große Sammlung alter Verse zusammen, die ich durch Zusammenflicken, zuweilen mit Hilfe anderer Knaben, zu jedem beliebigen Thema verarbeiten konnte. Viel Aufmerksamkeit wurde auch darauf verwandt, die Aufgaben des vorhergehenden Tages auswendig zu lernen. Dies schaffte ich mit großer Leichtigkeit und lernte vierzig oder fünfzig Verse von Vergil oder Homer, während ich im Morgengottesdienst war; doch war diese Anstrengung absolut nutzlos, da jeder einzelne Vers in achtundvierzig Stunden wieder vergessen war. Ich bin nicht faul gewesen und habe, mit Ausnahme des Versemachens, gewissenhaft meine klassischen Arbeiten ohne Hilfe von Eselsbrücken erledigt. Das einzige Vergnügen, das ich jemals bei solchen Studien empfunden habe, bereiteten mir einige Oden des Horaz, die ich wahrhaft bewunderte.

Als ich die Schule verließ, war ich meinem Alter nach weder weit oben noch weit unten, und ich glaube, daß mich alle meine Lehrer und mein Vater für einen sehr gewöhnlichen Jungen, eher etwas unter dem geistigen Durchschnitt, gehalten haben. Zu meiner tiefen Demütigung sagte mein Vater einmal zu mir: «Du hast keine anderen Interessen als Jagen, Hunde und Ratten fangen, und du wirst dir selbst und der ganzen Familie zur Schande.» Mein Vater, der der wohlwollendste Mann war, den ich je gekannt habe und dessen Andenken ich von ganzem Herzen liebe, muß aber sehr böse und etwas ungerecht gewesen sein, als er sich solcher Worte bediente.

Ich will hier einige wenige Seiten über meinen Vater hinzufügen, der in vielen Beziehungen ein bemerkenswerter Mann war.

Er war ungefähr 6 Fuß und 2 Zoll (ca. 1,90 m) groß, breitschultrig und sehr korpulent, so daß er der größte Mann war, den ich je gesehen habe. Als er sich zum letzten Male hatte wiegen lassen, wog er 24 Stein (ca. 152 kg); er nahm aber später noch an Gewicht zu. Seine hauptsächlichsten geistigen Eigenschaften waren seine Beobachtungsgabe und sein Mitgefühl; beides habe ich niemals weder übertroffen noch auch nur erreicht gesehen. Er empfand nicht nur das Unglück anderer mit, sondern in noch höherem Maße die Freuden aller in seiner Umgebung. Dies bewog ihn, ständig Pläne zu machen, wie er anderen Freude bereiten könne, und, obschon er die Verschwendungssucht haßte, viele hochherzige Handlungen auszuführen. So kam zum Beispiel ein Mr. B. ein kleiner Fabrikant in Shrewsbury, eines Tages zu ihm und teilte ihm mit, daß er Bankrott machen müsse, wenn er nicht sofort 10000 Pfund borgen könne, daß er aber nicht imstande sei, irgendwelche rechtliche Sicherheit zu bieten. Mein Vater hörte die Gründe an, welche den Mann glauben ließen, daß er schließlich das Geld werde zurückzahlen können, und war nach seiner intuitiven Erfassung des Charakters überzeugt, daß er dem Manne trauen könne. Er schoß ihm daher die Summe, die für ihn als einen noch jungen Mann sehr groß war, vor und erhielt nach einiger Zeit sein Geld wieder zurück.

Ich glaube, es war sein mitfühlendes Verständnis, das ihm das Vermögen, schrankenloses Vertrauen zu gewinnen, verlieh und das ihm als natürliche Folge einen so großen Erfolg als Arzt sicherte. Er begann zu praktizieren, noch ehe er einundzwanzig Jahre alt war, und seine Honorare deckten ihm im ersten Jahr die Ausgaben für zwei Pferde und einen Diener. Im folgenden Jahr war seine Praxis größer, und so blieb sie ungefähr sechzig Jahre lang, bis er aufhörte zu praktizieren. Sein großer Erfolg als Arzt war um so erstaunlicher, als er mir erzählte, daß er zuerst seinen Beruf in so hohem Maße gehaßt habe, daß, wenn er die unbedeutendste Erwerbsgrundlage hätte finden können oder wenn ihm sein Vater irgendeine Wahl gelassen hätte, ihn nichts hätte bestimmen können, diesen Beruf zu ergreifen. Gegen Ende seines Lebens flößte ihm der bloße Gedanke an eine Operation Widerwillen ein; auch konnte er es kaum ertragen, jemanden bluten zu sehen – ein Abscheu, den er auf mich übertragen hat. Ich erinnere mich des Entsetzens, das ich als Schuljunge beim Lesen der Erzählung empfand, daß Plinius (wenn ich nicht irre) sich in einem warmen Bade verblutet habe. Mein Vater erzählte mir von zwei merkwürdigen Begebenheiten, die mit einem Aderlaß verbunden waren; bei der einen ging es darum, daß er als sehr junger Mann ein Freimaurer geworden war. Sein Freund, ein Logenbruder, tat so, als ob er keine Ahnung von der starken Erregung habe, die meinen Vater beim Anblick von Blut überkam, und sagte auf dem Wege zu einer Zusammenkunft der Freimaurerloge beiläufig: «Ich nehme an, der Verlust einiger Tropfen Blut wird Sie nicht beunruhigen?» Als man den Vater in die Loge aufnahm, verband man ihm die Augen und streifte den Jackenärmel hoch. Ich weiß nicht, ob heute noch eine solche Zeremonie durchgeführt wird, doch mein Vater erwähnte sie als ein treffendes Beispiel für die Macht der Einbildungskraft. Er spürte deutlich, wie ihm ein dünner Blutstrahl den Arm hinabrieselte, und er konnte kaum seinen Augen trauen, als er danach am Arm keine Spur einer Stichwunde bemerken konnte.

Ein erfahrener Londoner Fleischer kam eines Tages zu meinem Großvater, um sich einen Rat zu holen. Und gerade in diesem Augenblick brachte man einen schwerkranken Menschen zu ihm, den mein Großvater mit dem anwesenden Apotheker zur Ader lassen wollte. Den Fleischer bat man, die Hand des Kranken zu halten. Aber er entschuldigte sich und verließ das Zimmer. Später erklärte er meinem Großvater, er hätte, wie seltsam es auch erscheinen möge, beim Anblick des Blutes des Patienten zweifellos das Bewußtsein verloren, obwohl er wahrscheinlich mehr Tiere als irgendein anderer in London eigenhändig geschlachtet habe.

Infolge der großen Gabe meines Vaters, Vertrauen zu erwecken, zogen ihn viele Patienten, ganz besonders Damen, als eine Art Beichtvater zu Rate, wenn sie irgendwie unglücklich waren. Er erzählte mir, daß sie immer damit anfingen, sich in einer weitschweifigen Weise über ihre Gesundheit zu beklagen; aus Erfahrung erriet er dann bald, um was es sich eigentlich handelte. Er sprach dann die Vermutung aus, daß sie seelisch gelitten hätten, und nun fingen sie an, ihm ihre Sorgen vorzuklagen, und er hörte nichts mehr über körperliche Leiden. Meistens ging es um familiäre Zwistigkeiten. Wenn sich Ehemänner mit Klagen über ihre Frauen an ihn wandten und der Streit ernst war, so empfahl ihnen mein Vater (und sein Rat erreichte immer das erwünschte Ziel, wenn ihn nur der Ehemann genau befolgte, was nicht immer der Fall war), folgendermaßen vorzugehen: Der Mann sollte seiner Frau sagen, er sei sehr betrübt, daß ihr gemeinsames Leben nicht glücklich verlaufe; er sei überzeugt, daß sie (die Ehefrau) glücklicher wäre, wenn sie getrennt leben würden; er hielte sie nicht im geringsten für schuldig (aber die meisten Ehemänner weigerten sich, diesen Punkt zu akzeptieren); er werde den Verwandten oder Freunden gegenüber keine Vorwürfe gegen sie erheben; und zu guter Letzt, er sei bereit, ihr einen gewissen Teil seiner Mittel zur Verfügung zu stellen, wie es ihm die Umstände erlaubten. Dann mußte er sie bitten, sich diesen Vorschlag zu überlegen. Da der Ehefrau hierdurch der Boden zum Nörgeln entzogen war, verging ihre Gereiztheit, und bald mußte sie erkennen, in welch mißlicher Lage sie sich befand: Sie konnte keinerlei Anschuldigungen mehr vorbringen, und eine Trennung hatte nicht sie, sondern ihr Mann vorgeschlagen. In der Regel beschwor die Dame ihren Gatten, nicht mehr an eine Trennung zu denken, und verhielt sich von nun an bedeutend besser.

Infolge des Geschicks meines Vaters, Vertrauen zu gewinnen, wurden ihm viele merkwürdige Bekenntnisse von Unglück und Schuld gemacht. Er erwähnte oft, wie viele unglückliche Frauen er gekannt habe. In mehreren Fällen hatten Männer und Frauen zwanzig, dreißig Jahre lang ganz gut miteinander gelebt, sich dann aber erbittert gehaßt. Er schrieb dies dem Umstande zu, daß sie infolge des Heranwachsens ihrer kleinen Kinder das gemeinsame einende Band verloren hätten.

Die merkwürdigste Gabe aber, die mein Vater besaß, war die, die Charaktere und selbst die Gedanken derjenigen, die er auch nur eine kurze Zeit sah, lesen zu können. Hierfür erlebten wir viele Beispiele, von denen einige beinahe übernatürlich erschienen. Dies bewahrte meinen Vater (mit einer einzigen Ausnahme, und der Charakter dieses Mannes wurde bald entdeckt) davor, jemals einen unwürdigen Menschen zum Freund zu haben. Ein fremder Geistlicher kam nach Shrewsbury und schien ein reicher Mann zu sein; alle Welt machte ihm Besuche, und er wurde in viele Häuser eingeladen. Mein Vater besuchte ihn, und bei seiner Rückkehr sagte er meinen Schwestern, er würde ihn oder seine Familie unter keinen Umständen in unser Haus einladen, denn er sei überzeugt, daß dem Manne nicht zu trauen sei. Nach wenigen Monaten verschwand dieser plötzlich und hinterließ bedeutende Schulden, und es stellte sich heraus, daß er nur um weniges besser war als ein gewöhnlicher Schwindler. Das Folgende ist ein Fall von Vertrauen, wie es nicht viele Leute gezeigt haben würden. Eines Tages machte ein Ire, ein ihm vollständig fremder Herr, meinem Vater einen Besuch, erzählte ihm, daß er seine Börse verloren habe und daß es von ernstlichem Nachteil für ihn sein würde, in Shrewsbury warten zu müssen, bis er von Irland eine Nachsendung erhalten könne. Er bat darauf meinen Vater, ihm 20 Pfund zu leihen, was auch sofort geschah, da mein Vater sich ganz sicher fühlte, daß die Geschichte auf Wahrheit beruhe. Sobald ein Brief aus Irland ankommen konnte, kam auch einer mit den überschwenglichsten Dankesworten und, wie geschrieben stand, einer Zwanzig-Pfund-Note der Bank von England; es lag aber keine Banknote bei. Ich fragte meinen Vater, ob ihn dies nicht stutzig mache, doch antwortete er mir: «Nicht im geringsten.» Am nächsten Tage kam ein zweiter Brief mit vielen Entschuldigungen, daß er (wie ein richtiger Ire) vergessen habe, die Banknote dem Brief vom vorigen Tage beizufügen.

Ein Verwandter meines Vaters bat diesen bezüglich seines Sohnes um Rat, der außergewöhnlich faul war und für nichts Interesse hatte. Mein Vater sagte: «Ich nehme an, der faule junge Mann hofft, daß ich ihm eine große Summe Geld vermache. Sagen Sie ihm, daß ich ihm nicht einen Penny hinterlassen würde und daß ich Ihnen das persönlich mitgeteilt habe.» Der Vater des Burschen bekannte beschämt, daß dieser unsinnige Gedanke tatsächlich seinen Sohn ergriffen habe, und fragte meinen Vater, wie er darauf gekommen sei; aber mein Vater antwortete, er wisse das selbst nicht.

Der Earl of… brachte seinen Neffen, der geisteskrank, aber ganz ruhig war, zu meinem Vater; die geistige Störung des jungen Mannes ließ ihn sich aller unter dem Himmel nur möglichen Verbrechen anklagen. Als mein Vater später mit dem Onkel über die Sache sprach, sagte er: «Ich bin überzeugt, daß Ihr Neffe wirklich des… eines abscheulichen Verbrechens, schuldig ist», worauf der Earl of… ausrief: «Um Gottes willen, Dr. Darwin, wer hat Ihnen das gesagt? Wir glaubten, daß keine Menschenseele außer uns selbst um die Tatsache wisse!» Mein Vater hat mir diese Geschichte viele Jahre nach dem Vorkommnis erzählt, und ich fragte ihn, wodurch er die wahren von den falschen Selbstanklagen unterscheide. Es war sehr charakteristisch für meinen Vater, daß er sagte, er könne nicht erklären, wie es zugehe.

Die folgende Erzählung zeigt, wie erfolgreich mein Vater im Erraten sein konnte. Lord Shelburne, später der erste Marquis of Lansdowne, war (wie Macaulay irgendwo bemerkt) berühmt wegen seiner Kenntnis der europäischen Verhältnisse, worauf er sehr stolz war. Er konsultierte meinen Vater als Arzt und unterhielt sich danach mit ihm über die Zustände in Holland. Mein Vater hatte in Leyden Medizin studiert, und eines Tages machte er einen weiten Spaziergang aufs Land mit einem Freund, der ihn in das Haus eines Geistlichen (sagen wir ein Rev. Mr. A. denn ich habe seinen Namen vergessen) einführte, der eine Engländerin geheiratet hatte. Mein Vater war sehr hungrig, doch gab es zum zweiten Frühstück nur wenig außer Käse, den er niemals essen konnte. Die alte Dame war darüber überrascht; sie bedauerte es und versicherte meinem Vater, daß es ausgezeichneter Käse sei und daß er ihr von Bowood, dem Landsitz des Lord Shelburne, geschickt worden sei. Mein Vater wunderte sich, warum ihr von Bowood Käse geschickt wurde, dachte aber nicht weiter darüber nach, bis ihm die Erinnerung daran viele Jahre später blitzartig kam, als Lord Shelburne über Holland sprach. So antwortete er diesem denn: «Nach dem, was ich vom Rev. Mr. A. gesehen habe, sollte ich meinen, daß er ein sehr tüchtiger und mit den Verhältnissen in Holland sehr gut vertrauter Mann ist.» Mein Vater sah, daß der Earl, der unvermittelt das Thema der Unterhaltung wechselte, sehr betroffen war. Am nächsten Morgen erhielt mein Vater ein Billett vom Earl, in dem dieser schrieb, daß er seine Abreise verschoben habe und ganz besonders wünsche, meinen Vater zu sehen. Als dieser seinen Besuch machte, sagte der Earl: «Dr. Darwin, es ist für mich und für den Rev. Mr. A. von der größten Bedeutung, zu erfahren, auf welche Weise Sie ermittelt haben, daß er die Quelle meiner Informationen über Holland ist.» So hatte ihm denn mein Vater den ganzen Hergang des Falls auseinanderzusetzen, und er glaubte, daß Lord Shelburne von seinem diplomatischen Geschick des Erratens sehr beeindruckt war, denn während vieler darauffolgender Jahr erhielt er von ihm durch verschiedene Freunde viele wohlwollende Grüße. Ich meine, er muß diese Geschichte auch seinen Kindern erzählt haben; denn vor vielen Jahren fragte mich einmal Sir C. Lyell, aus welchem Grunde der Marquis of Lansdowne (der Sohn oder Enkel des ersten Marquis) ein so lebhaftes Interesse für mich empfinde, den er doch nie gesehen habe, ebenso wie für meine Familie. Als die Zahl der Mitglieder des Athenaeum Club[2] um vierzig neue Stellen (die vierzig «Diebe», wie man sie damals nannte) vergrößert wurde, bemühte man sich sehr darum, eine derselben zu erhalten; ohne daß ich irgend jemanden darum gebeten hätte, schlug mich Lord Lansdowne vor und setzte meine Wahl durch. Wenn meine Vermutung richtig ist, so war es eine eigentümliche Verkettung von Ereignissen, infolge deren die Tatsache, daß mein Vater vor vierzig Jahren einmal in Holland keinen Käse gegessen hat, meine Wahl zum Mitglied des Athenaeum herbeigeführt hat.

In seiner Jugendzeit verfaßte der Vater manchmal kurze Notizen über bemerkenswerte Ereignisse und Gespräche und verwahrte diese in einem besonderen Umschlag.

Seine scharfe Beobachtungsgabe ermöglichte es ihm, mit bemerkenswertem Geschick den Verlauf einer jeden Krankheit vorauszusagen, und er schlug dann unzählige Kleinigkeiten zu ihrer Heilung vor. Mir ist erzählt worden, daß ein junger Arzt in Shrewsbury, der meinen Vater nicht mochte, von ihm zu sagen pflegte, er sei ganz unwissenschaftlich, aber zugab, daß seine Gabe, den Ausgang einer Krankheit vorauszusagen, ganz ohnegleichen sei. Früher, als er meinte, daß auch ich Arzt werden würde, sprach er viel mit mir über seine Patienten. In alten Zeiten war die Gewohnheit, reichlich zur Ader zu lassen, ganz allgemein; mein Vater behauptete aber, daß dadurch bei weitem mehr Übel als Gutes gestiftet werde, und er gab mir den Rat, wenn ich selbst einmal krank werden sollte, keinem Arzt zu erlauben, mehr als eine äußerst geringe Menge Blut von mir zu nehmen. Lange bevor das typhoide Fieber als eine besondere Krankheit erkannt worden war, sagte mir mein Vater, daß zwei gänzlich verschiedene Krankheiten unter dem Namen Typhus miteinander verwechselt würden. Gegen das Trinken eiferte er heftig; er war sowohl von den direkten als auch den vererbten üblen Folgen des Alkohols in der überwältigenden Mehrzahl selbst solcher Fälle überzeugt, in denen er auch in bescheidenen Mengen gewohnheitsmäßig genommen wird. Er gab aber Fälle zu und führte Beispiele an, wo gewisse Personen während ihres ganzen Lebens reichlich trinken können, ohne allem Anschein nach irgendwelche schlimme Folgen zu verspüren; er glaubte auch, daß er häufig von vornherein sagen könne, wer nicht in dieser Weise zu leiden haben würde. Er selbst trank nie einen Tropfen irgendeiner alkoholischen Flüssigkeit. Diese Bemerkung erinnert mich an einen Fall, der beweist, wie sich ein Augenzeuge selbst unter den günstigsten Umständen täuschen kann. Einem Herrn auf dem Lande wurde von meinem Vater dringend geraten, nicht zu trinken, und ihm zur Ermutigung noch erzählt, daß er selbst nie irgendein geistiges Getränk angerührt habe. Da sagte der Herr: «Ei, ei, Doktor, das gilt nicht, obgleich es sehr freundlich ist, um meinetwillen das zu sagen, denn ich weiß, daß Sie jeden Abend nach dem Essen ein recht großes Glas mit heißem Wasser und Gin trinken.» Mein Vater fragte ihn, woher er dies wisse. Der Herr antwortete: «Meine Köchin war zwei oder drei Jahre lang Küchenmädchen in Ihrem Hause, und sie hat gesehen, wie der Diener alle Abende Gin und Wasser zurechtmachte und Ihnen brachte.» Die Erklärung war, daß mein Vater die eigentümliche Gewohnheit hatte, nach dem Abendessen aus einem sehr hohen und großen Glas heißes Wasser zu trinken. Der Diener pflegte nur zuerst etwas kaltes Wasser in das Glas zu tun, das das Mädchen irrtümlich für Gin hielt, und es dann mit kochendem Wasser aus dem Kocher zu füllen.

Mein Vater pflegte mir viele kleine Dinge zu erzählen, die er in seiner ärztlichen Praxis für nützlich befunden hatte. So weinten zum Beispiel Damen häufig sehr viel, während sie ihm ihre Beschwerden mitteilten, und raubten ihm damit seine kostbare Zeit. Er fand bald, daß, wenn er sie bat, sich zu beherrschen und das Weinen zu unterdrücken, dies sie immer zu noch stärkerem Weinen veranlaßte; später munterte er sie daher immer auf, nur weiter zu weinen, und sagte ihnen, daß sie nichts anderes so erleichtern werde; dadurch erreichte er stets, daß sie bald zu weinen aufhörten. Nun konnte er hören, was sie ihm zu sagen hatten, und ihnen raten. Wenn Patienten, die sehr schwer krank waren, nach irgendeiner seltsamen oder unnatürlichen Speise verlangten, fragte sie mein Vater, wer ihnen eine solche Idee in den Kopf gesetzt habe. Antworteten sie, daß sie das nicht wüßten, dann erlaubte er ihnen, die Speise zu versuchen, und oft mit Erfolg, da er sich darauf verließ, daß sie eine Art instinktive Sehnsucht danach hätten; antworteten sie aber, daß sie gehört hätten, die fragliche Speise habe irgend jemand anderem gutgetan, dann verweigerte er ganz entschieden seine Zustimmung.

Eines Tages teilte er mir einen seltsamen kleinen Zug des menschlichen Wesens mit. Als sehr junger Mann wurde er zu einer Konsultation mit dem Hausarzt bei der Erkrankung eines Herrn von hohem Ansehen in Shropshire gerufen. Der alte Doktor sagte der Ehefrau, die Krankheit sei von einer solchen Art, daß sie tödlich enden müsse. Mein Vater vertrat die entgegengesetzte Ansicht und behauptete, der Herr werde wieder genesen. Es stellte sich heraus, daß er in jeder Beziehung unrecht hatte (ich glaube durch die Sektion), und er gab seinen Irrtum zu. Er war nunmehr vollkommen überzeugt, daß er nie wieder von dieser Familie konsultiert werden würde; aber nach wenigen Monaten schickte die Witwe, nachdem sie den alten Hausarzt entlassen hatte, nach ihm. Mein Vater war darüber so überrascht, daß er einen Freund der Witwe bat, doch herauszubekommen, warum er wieder konsultiert würde. Die Witwe antwortete dem Freunde, daß «sie den alten widerlichen Doktor, der von Anfang an gesagt habe, daß ihr Mann sterben werde, nie wieder sehen wolle; Dr. Darwin habe aber immer behauptet, er werde wieder genesen!» In einem anderen Falle sagte mein Vater einer Dame, daß ihr Mann bestimmt sterben werde. Einige Monate später sah er die Witwe, die eine sehr verständige Dame war; sie sagte zu ihm: «Sie sind ein sehr junger Mann; erlauben Sie mir, Ihnen den Rat zu erteilen, immer, solange Sie es nur können, allen näheren, den Kranken pflegenden Verwandten Hoffnung zu machen. Sie brachten mich zur Verzweiflung, und von dem Augenblick an verlor ich die Kraft.» Mein Vater sagte, daß er seitdem oft erkannt habe, wie außerordentlich wichtig es im Interesse des Patienten sei, die Hoffnung und damit die Kraft der Person zu erhalten, deren Pflege der Kranke anvertraut ist. Er fand es zuweilen schwierig, dies zu tun, ohne gegen die Wahrheit zu verstoßen. Ein alter Herr, Mr. Pemberton, brachte ihn aber in keine derartige Verlegenheit. Er schickte nach ihm und sagte: «Nach allem, was ich von Ihnen gesehen und gehört habe, glaube ich, daß Sie zu der Art von Menschen gehören, die die Wahrheit sprechen, und wenn ich Sie frage, werden Sie es mir sagen, wenn ich im Sterben liege. Ich wünsche nun aber sehr, daß Sie mich behandeln, wenn Sie mir versprechen wollen, immer, was ich auch sagen möge, zu erklären, daß ich nicht sterben werde.» Mein Vater willigte ein, daß seine Worte in der Tat keine Bedeutung haben sollten.

Mein Vater besaß ein außerordentliches Gedächtnis, besonders für Daten, so daß er noch im hohen Alter den Tag der Geburt, der Hochzeit und des Todes von zahlreichen Personen in Shropshire wußte. Einmal sagte er mir, daß ihm diese Gabe sehr störend sei, denn wenn er ein Datum einmal gehört habe, könne er es nicht wieder vergessen; infolgedessen wurde er häufig an den Tod vieler Freunde erinnert. Dank seinem guten Gedächtnis kannte er eine große Anzahl von merkwürdigen Geschichten, die er, da er ein großer Erzähler war, gerne mitteilte. Er war meist gut aufgelegt und lachte und scherzte mit jedermann, oft mit seinen Dienstboten, in größter Freimütigkeit; und doch besaß er die Kunst, jedermann dazu zu bringen, ihm bis auf den Buchstaben zu gehorchen. Viele Menschen fürchteten sich vor ihm. Ich erinnere mich, daß mein Vater uns eines Tages lachend erzählte, mehrere Leute hätten ihn gefragt, ob Miss Piggott (eine sehr würdevolle alte Dame in Shropshire) ihn besucht habe, so daß er endlich sich erkundigt habe, warum sie fragten. Man hatte ihm darauf gesagt, daß Miss Piggott, die mein Vater irgendwie tödlich beleidigt habe, jedermann erzähle, sie wolle ihn aufsuchen und «diesem fetten alten Doktor ins Gesicht sagen, was sie von ihm hielt». Sie hatte ihren Besuch bereits gemacht; der Mut hatte sie aber verlassen, und niemand hätte liebenswürdiger und höflicher sein können als sie. Als Knabe war ich einmal auf Besuch bei Major B. dessen Frau geisteskrank war; sobald dies arme Geschöpf mich sah, geriet sie in furchtsames Entsetzen, weinte bitterlich und fragte mich immer wieder: «Kommt dein Vater?»; sie wurde aber bald beruhigt. Nach meiner Rückkehr fragte ich meinen Vater, warum sie so entsetzt gewesen wäre; er antwortete, er sei froh, dies zu hören, da er sie absichtlich in Schrecken versetzt habe in der Überzeugung, daß sie sicherer und viel glücklicher ohne irgendwelche Zwangsmaßregeln zu bewachen sein werde, wenn ihr Mann dadurch auf sie wirken könne, daß er, sobald sie irgendwie heftig und aufgeregt würde, den Vorschlag mache, nach Dr. Darwin zu schicken; und diese Worte hatten während ihres übrigen langen Lebens den besten Erfolg.

Mein Vater war sehr empfindsam, so daß viele kleine Vorkommnisse ihn sehr verstimmten oder schmerzlich berührten. Ich fragte ihn einst, als er alt war und nicht mehr gehen konnte, warum er nicht ausfahre, um sich etwas Bewegung zu machen; er antwortete: «Jede Straße außerhalb Shrewsburys ist in meinem Geist mit irgendeinem schmerzlichen Ereignis verknüpft.» Und doch war er meist sehr gut aufgelegt. Er wurde leicht sehr böse, seine Güte und sein Wohlwollen waren aber grenzenlos. Er wurde allgemein und von ganzem Herzen geliebt.

Er war ein vorsichtiger und guter Geschäftsmann, so daß er kaum jemals Geld durch irgendeine Anlage verlor und seinen Kindern ein sehr großes Vermögen hinterließ. Ich erinnere mich an eine Geschichte, die zeigt, wie leicht völlig falsche Gerüchte entstehen und sich verbreiten. Mr. E. ein Herr aus einer der ältesten Familien in Shropshire und Hauptteilhaber einer Bank, hatte Selbstmord begangen. Zur Einhaltung der Formalitäten wurde nach meinem Vater geschickt, der ihn tot vorfand. Um zu zeigen, wie solche Sachen in jenen alten Zeiten behandelt wurden, will ich beiläufig erwähnen, daß, weil Mr. E. ein ziemlich großer Herr und allgemein geachtet war, keine gerichtliche Untersuchung in dieser Angelegenheit stattfand. Auf dem Nachhausewege hielt es mein Vater doch für angemessen, in der Bank (wo er ein Konto hatte) vorzusprechen, um dem geschäftsführenden Teilhaber von dem Ereignis Mitteilung zu machen, da es nicht unwahrscheinlich war, daß es einen plötzlichen Sturm auf die Bank verursachen könne. Es wurde nun folgende Geschichte weit und breit herumgetragen: Mein Vater sei in die Bank gegangen, habe sein ganzes Geld abgehoben, die Bank dann verlassen, sei wieder zurückgekommen, habe gesagt: «Oh, ich will Ihnen nur eben erzählen, daß Mr. E. sich umgebracht hat», und sei dann fortgegangen. Es scheint damals ein allgemein verbreiteter Glaube gewesen zu sein, daß von einer Bank abgehobenes Geld nicht eher in Sicherheit sei, als bis der Träger durch die Tür der Bank hinausgegangen sei. Mein Vater hatte von dieser Geschichte erst einige Zeit später gehört, als ihm der geschäftsführende Teilhaber sagte, er sei von seiner ausnahmslos befolgten Regel, niemals irgend jemand zu gestatten, das Konto eines anderen einzusehen, insofern abgewichen, als er das Hauptbuch mit meines Vaters Konto mehreren Personen gezeigt habe, da er nur dadurch habe beweisen können, daß mein Vater an jenem Tage nicht einen Penny abgehoben habe. Es würde unehrenhaft von meinem Vater gewesen sein, seine durch seinen Beruf erhaltenen Informationen zu seinem Privatvorteil auszunutzen. Trotzdem wurde die vermutungsweise vorausgesetzte Handlungsweise von einigen Personen in hohem Grade bewundert. Viele Jahre später machte noch ein Herr die Bemerkung: «Ei, Doktor, was für ein glänzender Geschäftsmann waren Sie, daß Sie Ihr ganzes Geld so geschickt aus der Bank herausbekamen!»

Die Geistesrichtung meines Vaters war nicht wissenschaftlich, auch versuchte er nicht, seine Kenntnisse unter dem Gesichtswinkel allgemeiner Gesetze zusammenzufassen; doch machte er sich beinahe für alles, was ihm vorkam, eine Theorie. Ich glaube nicht, daß ich intellektuell viel durch ihn gewonnen habe; sein Beispiel muß aber für alle seine Kinder von großem moralischem Nutzen gewesen sein. Eine seiner goldenen Regeln (die sehr schwer zu befolgen war) lautete: «Werde nie der Freund eines Menschen, den du nicht achten kannst.»

Über den Vater meines Vaters – den Verfasser des «botanischen Gartens» und anderer Werke – habe ich alle Tatsachen, die ich in Erfahrung bringen konnte, in der von mir veröffentlichten Biographie zusammengefaßt.[3]

Nachdem ich so viel über meinen Vater erzählt habe, möchte ich einige wenige Worte über meinen Bruder und über meine Schwestern hinzufügen: Mein Bruder Erasmus besaß einen bemerkenswert klaren Verstand mit weitreichenden und verschiedenartigen Neigungen und Kenntnissen in Literatur, Kunst, und selbst in Naturwissenschaften. Eine kurze Zeit lang sammelte und trocknete er Pflanzen, und während einer etwas längeren Zeit machte er chemische Versuche. Er war äußerst sympathisch, und sein Witz erinnerte mich oft an den von Charles Lamb in dessen Briefen und Werken. Er war sehr gutherzig. Seine Gesundheit war seit seiner Knabenzeit zart gewesen, und infolgedessen besaß er nicht viel Energie. Seine Stimmung war nicht munter, zuweilen deprimiert, besonders während seiner frühen und mittleren Mannesjahre. Er las viel, sogar schon als Knabe, und ermunterte mich während unserer Schulzeit, auch zu lesen, indem er mir Bücher lieh.

Unsere Geistes- und Geschmacksrichtungen waren indessen so verschieden, daß ich nicht glaube, ihm wie auch meinen vier Schwestern, deren Charakterzüge äußerst verschieden und – bei einigen von ihnen – stark ausgeprägt waren, intellektuell viel zu verdanken. Während ihres ganzen Lebens verhielten sie sich alle sehr liebenswürdig und zärtlich mir gegenüber. Ich bin geneigt, mit Francis Galton darin übereinzustimmen, daß Erziehung und Umgebung nur eine geringe Wirkung auf den Geist eines jeden ausüben und daß die meisten unserer Eigenschaften angeboren sind.

Die obige Bemerkung über den Charakter meines Bruders habe ich geschrieben, bevor Carlyle seine Charakteristik in den «Erinnerungen» veröffentlichte, die meines Erachtens wenig der Wahrheit entspricht und keinen Wert besitzt.[4]

Blicke ich nun, so gut ich kann, auf meinen Charakter während meiner Schulzeit zurück, so waren die einzigen Eigenschaften in dieser Periode, die etwas Gutes für die Zukunft versprachen, die, daß ich stark ausgeprägte und verschiedenartige Neigungen, sehr viel Eifer für alles hatte, was mich nur irgend interessierte, und eine lebhafte Freude am Verstehen irgendeines komplizierten Themas oder Gegenstandes. Mir wurde von einem Privatlehrer Euklid beigebracht, und ich erinnere mich sehr deutlich der intensiven Befriedigung, die mir die klaren geometrischen Beweise gewährten. Mit gleicher Deutlichkeit erinnere ich mich des Entzückens, das mir mein Onkel (der Vater von Francis Galton) dadurch verschaffte, daß er mir das Prinzip der Einteilung am Barometer erklärte. Was andere, von Naturwissenschaften unabhängige Neigungen und Geschmacksrichtungen betrifft, so las ich verschiedene Bücher sehr gern und konnte stundenlang sitzen und Shakespeares historische Stücke lesen, meistens in einem alten Fenster in den dicken Mauern der Schule. Ich las auch andere poetische Werke, so Thomsons «Jahreszeiten» und die vor kurzem veröffentlichten Gedichte von Byron und Scott. Ich erwähne dies deshalb, weil ich zu meinem großen Bedauern später im Leben alle Freude an Poesie jeder Art, einschließlich Shakespeare, verloren habe. Im Zusammenhang mit der Freude an Poesie will ich noch anführen, daß im Jahre 1822, während einer Tour zu Pferde an den Grenzen von Wales, zum ersten Male lebhaftes Entzücken über eine Landschaft in mir erweckt wurde, und dies hat länger angehalten als irgendein anderes ästhetisches Vergnügen. In den frühen Tagen meiner Schulzeit besaß ein Schulkamerad ein Exemplar der «Wunder der Welt», das ich oft las; ich stritt mich mit anderen Knaben über die Wahrhaftigkeit einiger der darin enthaltenen Angaben, und ich glaube, daß dieses Buch erstmalig den Wunsch in mir anregte, in ferne Länder zu reisen, der mir schließlich durch die Fahrt der «Beagle» erfüllt wurde. In der letzten Zeit meines Schullebens wurde ich ein leidenschaftlicher Jäger; ich glaube, niemand hätte für die heiligste Sache mehr Eifer zeigen können als ich für Vogeljagd. Wie gut erinnere ich mich noch daran, wie ich meine erste Schnepfe geschossen hatte; meine Erregung war so groß, daß ich wegen des Zitterns meiner Hände nur mit Schwierigkeit meine Flinte wieder laden konnte. Diese Neigung hielt lange an, und ich wurde ein sehr guter Schütze. Als ich in Cambridge war, pflegte ich das Anlegen der Flinte vor einem Spiegel zu üben, um zu sehen, daß ich sie gerade anlegte. Eine andere und noch bessere Methode war die, von einem Freund eine angezündete Kerze hin und her bewegen zu lassen und dann mit einem Zündhütchen auf dem Zündkegel danach zu schießen; war gut gezielt worden, so blies der kleine Luftstoß das Licht aus. Die Explosion des Zündhütchens verursachte einen scharfen Knall, und mir wurde erzählt, daß der Tutor des College die Bemerkung machte: «Wie merkwürdig ist es doch: Mr. Darwin scheint ganze Stunden damit zu verbringen, mit einer Reitpeitsche zu knallen; denn ich höre oft den Knall, wenn ich unter seinen Fenstern vorbeigehe.»

Unter den Schulkameraden hatte ich viele Freunde, die ich sehr liebte, und ich glaube, daß meine Gemütsstimmung damals sehr liebevoll war. Einige dieser Knaben waren ziemlich begabt, aber entsprechend dem Prinzip «noscitur a socio»[5] muß ich hinzufügen, daß keiner von ihnen in der Folgezeit eine hervorragende Persönlichkeit wurde.

Was die Wissenschaft betrifft, so fuhr ich fort, mit großem Eifer Mineralien zu sammeln, aber völlig unwissenschaftlich – mir ging es nur darum, ein Mineral mit neuem Namen zu bekommen, doch ich versuchte kaum, diese zu klassifizieren. Insekten muß ich mit einer gewissen Sorgfalt beobachtet haben; denn als ich zehn Jahre alt war (1819), ging ich auf drei Wochen nach Plas Edwards an der Küste von Wales und war sehr angetan und überrascht vom Anblick eines großen schwarzen und scharlachroten wanzenartigen Insekts, vieler Nachtschmetterlinge (Zygaena) und einer Cicindela (Sandlaufkäfer), die alle in Shropshire nicht vorkommen. Ich entschloß mich beinahe, damit anzufangen, alle Insekten, die ich tot fand, zu sammeln; denn als ich meine Schwester befragte, kam ich zu dem Schluß, daß es nicht recht sei, Insekten nur deshalb zu töten, um eine Sammlung zusammenzustellen. Nachdem ich Whites «Selborne» gelesen hatte, bereitete es mir viel Freude, die Lebensgewohnheiten der Vögel zu beobachten, und ich machte mir sogar Notizen darüber. In meiner Einfalt wunderte ich mich, warum nicht alle Herren Ornithologen würden.

Gegen Ende meiner Schulzeit arbeitete mein Bruder sehr viel auf dem Gebiet der Chemie und richtete sich in dem Gerätehaus im Garten ein ganz hübsches Laboratorium mit den entsprechenden Apparaten ein; mir wurde erlaubt, ihm bei den meisten seiner Experimente zu helfen. Er stellte alle möglichen Gase und viele Verbindungen her, und ich las sorgfältig mehrere Bücher über Chemie, zum Beispiel den «Chemischen Katechismus» von Henry und Parkes. Der Gegenstand interessierte mich sehr, und wir dehnten häufig unsere Arbeiten bis spät in die Nacht aus. Dies war der beste Teil meiner Erziehung während meiner Schulzeit, denn er zeigte mir praktisch die Bedeutung experimenteller Wissenschaft. Die Tatsache, daß wir uns mit Chemie beschäftigten, wurde in der Schule auf irgendeine Weise bekannt, und da es ein noch nicht dagewesener Fall war, erhielt ich den Spitznamen «Gas». Einmal wurde ich auch vom Direktor der Schule, Dr. Butler, öffentlich zurechtgewiesen, daß ich meine Zeit mit derartigen nutzlosen Dingen verschwendete, und er nannte mich sehr ungerechterweise einen «poco curante»; da ich nicht verstand, was er damit meinte, hielt ich es für einen fürchterlichen Vorwurf.

Da ich auf der Schule nichts Rechtes zuwege brachte, nahm mich mein Vater sehr weise in einem etwas früheren Alter als gewöhnlich von der Schule und schickte mich (Oktober 1825) mit meinem Bruder auf die Universität Edinburgh, wo ich zwei Jahre oder Sessionen lang blieb. Mein Bruder beendete sein Medizinstudium, obschon ich nicht glaube, daß er je wirklich die Absicht gehabt hat zu praktizieren; ich wurde hingeschickt, um es anzufangen. Bald nach dieser Zeit aber kam ich durch verschiedene kleine Umstände zu der Überzeugung, daß mir mein Vater Vermögen genug hinterlassen würde, um mit einiger Bequemlichkeit davon zu leben, obgleich ich mir niemals einbildete, daß ich einmal ein so wohlhabender Mann sein würde, wie ich es bin; mein Glaube reichte aber doch aus, um jede ernste Anstrengung, Medizin zu studieren, zu hemmen.

Der Unterricht in Edinburgh bestand ganz und gar aus Vorlesungen, und diese waren unerträglich langweilig, mit Ausnahme derjenigen über Chemie bei Hope; meiner Auffassung nach haben aber Vorlesungen im Vergleich mit dem eigenen Lesen keinen Vorteil, dagegen viele Nachteile. An Dr. Duncans Vorlesungen über Materia medica an jedem Wintermorgen um 8 Uhr erinnere ich mich nur mit Schrecken. Dr. Monros Vorlesungen über menschliche Anatomie waren so langweilig wie er selbst war, und der Gegenstand widerte mich an. Es gehört zu den unglücklichsten Umständen in meinem Leben, wie ich später erfahren habe, daß ich nicht zum Sezieren angehalten worden bin; denn meinen Widerwillen würde ich bald überwunden haben, und die Übung wäre für meine ganze spätere Tätigkeit unschätzbar gewesen. Dies ist ein nicht wiedergutzumachendes Übel, ebenso wie meine Unfähigkeit zu zeichnen. Ich besuchte auch regelmäßig die klinischen Abteilungen im Hospital. Einige der Fälle machten mich sehr unglücklich, und von manchen stehen noch immer lebendige Bilder vor mir; ich war aber nicht so töricht, meine Besuche deshalb einzuschränken. Ich kann es nicht verstehen, warum dieser Teil meines Medizinstudiums mich nicht in höherem Maße interessiert hat; denn während des Sommers, ehe ich nach Edinburgh kam, hatte ich angefangen, manche von den armen Leuten in Shrewsbury, namentlich Kinder und Frauen, zu besuchen: Ich schrieb einen möglichst ausführlichen Bericht über jeden Fall mit allen Symptomen und las dieselben meinem Vater vor, der dann weitere Untersuchungen vorschlug und mir riet, welche Arzneien ich geben solle, die ich dann selbst herstellte. Zu einer Zeit hatte ich einmal mindestens ein Dutzend Patienten, und meine Tätigkeit interessierte mich sehr stark. Mein Vater, der bei weitem das beste Urteil über Charaktere besaß, das ich kennengelernt habe, erklärte, daß ich als Arzt Erfolg haben würde, womit er meinte, daß ich viele Patienten bekommen würde. Er behauptete, daß das hauptsächlichste Element des Erfolgs die Gabe sei, Vertrauen zu erwecken; was er aber in mir als besonders vertrauenerweckend erkannt hat, weiß ich nicht. Ich besuchte auch bei zwei Gelegenheiten den Operationssaal im Krankenhaus von Edinburgh und sah zwei sehr schwere Operationen, die eine an einem Kind; ich lief aber davon, ehe sie zu Ende gebracht waren. Auch habe ich nie einer weiteren beigewohnt, denn kaum irgendeine Versuchung hätte stark genug sein können, mich dazu zu bringen; das war lange vor der gesegneten Zeit des Chloroforms. Die beiden Fälle haben mich noch viele Jahre lang gequält.

Mein Bruder blieb nur ein Jahr auf der Universität, so daß ich während des zweiten Jahres auf meine eigenen Hilfsquellen angewiesen war; das war für mich von Vorteil, da ich mit mehreren jungen Leuten, die die Naturwissenschaften liebten, gut bekannt wurde. Einer von ihnen war Ainsworth, der später die Schilderung seiner Reisen in Assyrien herausgab; er war ein Geologe aus der Wernerschen Schule und wußte einiges in vielen Dingen, war aber oberflächlich und recht zungengewandt. Dr. Coldstream war ein sehr verschieden veranlagter junger Mann, fein, formell, sehr religiös und äußerst gutherzig; er hat später mehrere gute zoologische Aufsätze veröffentlicht. Ein dritter unter den jungen Leuten war Hardie, der, wie ich glaube, ein tüchtiger Botaniker geworden wäre, aber in Indien früh starb; endlich Dr. Grant, mehrere Jahre älter als ich. Ich kann mich nicht entsinnen, wie ich mit ihm bekannt geworden war; er veröffentlichte mehrere ausgezeichnete zoologische Abhandlungen, hat aber, nachdem er als Professor an das University College in London gekommen war, nichts weiter in der Wissenschaft getan, eine Tatsache, die mir immer unerklärlich gewesen ist. Ich kannte ihn sehr gut; er war trocken und formell in seinem Wesen, hatte aber viel Enthusiasmus in sich. Als wir eines Tages miteinander spazierengingen, brach er in hohe Bewunderung über Lamarck und dessen Ansichten über die Entwicklung aus. Ich hörte in schweigendem Erstaunen zu, und ohne daß es, soweit ich es beurteilen kann, irgendeine Wirkung auf meinen Geist hervorgebracht hätte. Ich hatte vorher die «Zoonomia» meines Großvaters gelesen, in der ähnliche Ansichten enthalten waren, aber ohne daß es irgendeinen Einfluß auf mich ausgeübt hätte. Nichtsdestoweniger ist es immerhin wahrscheinlich, daß der Umstand, daß ich früh im Leben derartige Ansichten habe vertreten und loben hören, es begünstigt hat, daß ich dieselben in einer anderen Form in meiner «Entstehung der Arten» dargelegt habe. In dieser Zeit bewunderte ich die «Zoonomia» in hohem Maße; als ich sie aber nach einem Zeitraum von zehn oder fünfzehn Jahren ein zweites Mal las, war ich sehr enttäuscht; das Mißverhältnis zwischen der Spekulation und den mitgeteilten Tatsachen ist darin so groß.

Dr. Grant und Dr. Coldstream widmeten der Naturgeschichte der Seetiere viel Aufmerksamkeit; den ersteren begleitete ich häufig, um Tiere in den Gezeitentümpeln zu sammeln, die ich dann, so gut es ging, sezierte. Ich befreundete mich auch mit mehreren Fischern in Newhaven und begleitete sie manchmal, wenn sie mit Schleppnetzen nach Austern fischten, und erlangte auf diese Weise viele Exemplare. Da ich mich aber niemals regelmäßig im Sezieren geübt hatte und nur ein sehr schlechtes Mikroskop besaß, waren meine Versuche sehr bescheiden. Trotzdem machte ich eine kleine interessante Entdeckung und hielt ungefähr Anfang des Jahres 1826 einen kurzen Vortrag über den Gegenstand vor der Plinian Society.[6] Die Entdeckung bestand darin, daß die sogenannten Eier von Flustra (Blättermoostierchen) das Vermögen der selbständigen Bewegung mittels Wimpern besaßen und in der Tat Larven waren. In einem anderen kleinen Vortrag wies ich nach, daß die kleinen kugeligen Körper, die man für das Jugendstadium von Fuchs loreus (Riementang) gehalten hatte, nichts anderes waren als die Eikapseln der wurmartigen Pontobdella muricata (Rochenegel).

Die Plinian Society wurde von Professor Jameson sehr gefördert und war, glaube ich, von ihm gegründet worden; sie bestand aus Studenten und versammelte sich in einem Zimmer im Souterrain der Universität, um Vorträge über Naturwissenschaften zu halten und darüber zu diskutieren. Ich pflegte sie regelmäßig zu besuchen, und die Versammlungen übten dadurch einen guten Einfluß auf mich aus, daß sie meinen Eifer anspornten und mir neue geistesverwandte Bekanntschaften vermittelten. Eines Abends erhob sich ein armer junger Mann, stotterte eine endlose Zeit herum, wurde purpurrot und brachte endlich langsam die Worte heraus: «Herr Präsident, ich habe vergessen, was ich sagen wollte.» Der arme Kerl sah ganz niedergeschlagen aus, und sämtliche Mitglieder waren so überrascht, daß auch nicht einem irgendein Wort einfiel, seine Verwirrung zu beschönigen. Die Vorträge, die in unserer kleinen Gesellschaft gehalten worden waren, wurden nicht gedruckt, so daß ich nicht die Genugtuung hatte, meine Abhandlung gedruckt zu sehen; ich glaube aber, Dr. Grant hat meine kleine Entdeckung in seiner ausgezeichneten Abhandlung über Flustra erwähnt.

Ich war auch Mitglied der Royal Medical Society und besuchte sie ziemlich regelmäßig; da aber die dort behandelten Fragen ausschließlich medizinisch waren, kümmerte ich mich nur wenig um sie. Es wurde dort viel unnützes Zeug gesprochen, doch fanden sich auch einige gute Redner, unter denen der jetzige Sir J. Kay-Shuttleworth der beste war. Dr. Grant nahm mich gelegentlich mit in die Sitzungen der Wernerian Society[7] , wo verschiedene Vorträge über Naturgeschichte gehalten, diskutiert und später in den «Transactions» veröffentlicht wurden. Ich habe dort Audubon einige interessante Vorträge über die Lebensweise nordamerikanischer Vögel halten hören, in denen er in etwas ungerechter Weise über Waterton spöttelte. Übrigens, es lebte damals ein Neger in Edinburgh, der mit Waterton gereist war und sich seinen Lebensunterhalt durch das Ausstopfen von Vögeln verdiente, was er ausgezeichnet verstand; er erteilte mir gegen Bezahlung darin Unterricht, und ich pflegte oft bei ihm zu sitzen, denn er war ein sehr angenehmer und intelligenter Mensch.

Mr. Leonard Horner nahm mich auch einmal mit in eine Sitzung der Royal Society von Edinburgh, wo ich Sir Walter Scott als Präsidenten sah; er entschuldigte sich vor der Versammlung, daß er sich nicht für geeignet halte, eine solche Stellung zu bekleiden. Ich betrachtete ihn und die ganze Szene mit einer gewissen ehrfürchtigen Scheu, und ich glaube, ich habe dem Umstand, daß ich während meiner Jugend dieser Sitzung beiwohnte und die Royal Medical Society besucht habe, es zuzuschreiben, daß, als ich vor wenigen Jahren Ehrenmitglied der beiden Gesellschaften wurde, diese Auszeichnung mehr als irgendwelche andere ähnliche Ehren empfunden habe. Wenn man mir zu jener Zeit gesagt hätte, daß ich eines Tages einmal so geehrt werden würde, so behaupte ich, würde ich es für ebenso lächerlich und unwahrscheinlich gehalten haben, als wenn man mir gesagt hätte, daß ich zum König von England erwählt worden sei.

Während meines zweiten Jahres in Edinburgh besuchte ich Jamesons Vorlesungen über Geologie und Zoologie; sie waren aber unglaublich langweilig. Die einzige Wirkung, die sie auf mich hervorbrachten, war der Entschluß, niemals, solange ich lebte, ein Buch über Geologie zu lesen oder in irgendeiner Weise diese Wissenschaft zu studieren. Und doch bin ich dessen gewiß, daß ich auf eine philosophische Behandlung des Gegenstandes vorbereitet war, denn ein alter Mr. Cotton in Shropshire, der von Gesteinen ziemlich viel wußte, hatte mich zwei oder drei Jahre früher auf einen bekannten großen Findlingsblock in der Stadt Shrewsbury, der «bell-stone» genannt wurde, aufmerksam gemacht und mir gesagt, daß ein Gestein von derselben Art an keinem näheren Ort als in Cumberland oder Schottland zu finden sei, wobei er mir feierlich die Versicherung gab, daß die Welt eher untergehen würde, ehe irgend jemand imstande sein würde zu erklären, wie der Stein an den Ort, wo er jetzt lag, gekommen sei. Dies machte einen tiefen Eindruck auf mich, und ich habe lange über diesen wunderbaren Stein nachgedacht. Ich empfand daher das größte Entzücken, als ich zum ersten Male von der Fähigkeit der Eisberge, erratische Blöcke[8] fortzuführen, las und ich war stolz auf die Fortschritte der Geologie. Ebenso verblüffend ist die Tatsache, daß ich, obschon jetzt siebenundsechzig Jahre alt, den Professor Jameson auf einer Exkursion zu den Salisbury Craigs über einen Trappgang, mit amygdaloiden (mandelförmigen) Rändern und auf beiden Seiten mit verdichteten Schichten und rings von vulkanischen Gesteinen umgeben, sich verbreiten und sagen hörte, daß es eine von oben her mit Sediment ausgefüllte Spalte sei, wobei er spöttelnd hinzufügte, es gebe Leute, die behaupteten, der Gang habe von unten her im geschmolzenen Zustande die Spalte gefüllt. Wenn ich an diese Vorlesung denke, so wundere ich mich nicht, daß ich mich entschloß, mich niemals mit Geologie zu befassen.

Durch den Besuch von Jamesons Vorlesungen wurde ich mit dem Kurator des Museums, Mr. Macgillivray, bekannt, der später ein großes und ausgezeichnetes Buch über die Vögel von Schottland herausgegeben hat. Er war nicht sehr auf sein Äußeres und seine Manieren bedacht, aber ich habe mit ihm sehr interessante Gespräche über Naturgeschichte geführt, und er war sehr freundlich zu mir. Er gab mir einige seltene Muscheln, denn zu jener Zeit sammelte ich Meeresmollusken, aber ohne sonderlichen Eifer.

Meine Sommerferien während dieser zwei Jahre waren gänzlich dem Vergnügen gewidmet, obschon ich immer irgendein Buch bei der Hand hatte, das ich mit Interesse las. Während des Sommers 1826 unternahm ich mit zwei Freunden eine lange Fußwanderung mit dem Tornister auf dem Rücken durch Nordwales. An den meisten Tagen gingen wir dreißig Meilen, einschließlich der Besteigung des Snowdon[9] an einem Tage. Ich machte auch mit meiner Schwester Caroline eine Tour zu Pferde durch Nordwales, wobei uns ein Diener unsere Sachen in Satteltaschen nachbrachte. Die Herbstzeit war der Jagd gewidmet, hauptsächlich bei Mr. Owen in Woodhouse[10] und bei meinem Onkel Jos (Josiah Wedgwood) in Maer. Mein Eifer war dabei so groß, daß ich meine Jagdstiefel zum Anziehen fertig an mein Bett zu stellen pflegte, wenn ich zu Bett ging, damit ich nicht eine halbe Minute Zeit beim Anziehen derselben am anderen Morgen verlöre, und bei einer Gelegenheit erreichte ich einen entfernt gelegenen Teil der Besitzung Maer am 20. August zur Birkhuhnjagd, noch ehe es hell wurde. Ich habe dann mit dem Wildhüter den ganzen Tag lang dichte Heide und jungen Fichtenwald durchstreift. Ich führte ein genaues Tagebuch über alle Vögel, die ich während der ganzen Jagdzeit schoß. Als ich eines Tages in Woodhouse mit Captain Owen, dem ältesten Sohn, und Major Hill, seinem Vetter, später Lord Berwick, auf der Jagd war, glaubte ich, man behandle mich ganz schändlich; denn jedesmal, nachdem ich geschossen und gemeint hatte, den Vogel getroffen zu haben, tat einer von den beiden immer so, als lade er seine Flinte wieder, und rief mir zu: «Sie dürfen den Vogel nicht rechnen, da ich gleichzeitig geschossen habe!» Der Wildhüter, der den Scherz verstand, unterstützte sie. Nach ein paar Stunden erzählten sie mir den Scherz; für mich war es aber kein Spaß, denn ich hatte eine große Anzahl von Vögeln geschossen, wußte aber nun nicht, wie viele, und konnte sie daher nicht auf meine Liste setzen, welche ich so zu führen pflegte, daß ich in eine in das Knopfloch gebundene Schnur einen Knoten machte. Das hatten meine bösen Freunde bemerkt.

Wie sehr genoß ich doch die Freuden der Jagd! Ich glaube aber, ich muß doch halb unbewußt über meinen Eifer beschämt gewesen sein, denn ich versuchte mich zu überreden, daß das Jagen beinahe eine intellektuelle Betätigung sei; es erforderte so viel Geschicklichkeit, zu beurteilen, wo das meiste Wild zu finden sei, und die Hunde gut zu führen.

Einer meiner herbstlichen Besuche in Maer im Jahre 1827 war mir deshalb denkwürdig, weil ich dort Sir J. Mackintosh traf, der der beste Unterhalter war, dem ich je zugehört habe. Ich erfuhr später mit einem Anflug von Stolz, daß er von mir gesagt hatte: «In dem jungen Mann steckt etwas, was mich interessiert.» Dies muß hauptsächlich eine Folge des Umstandes gewesen sein, daß ich alles, was er sagte, mit großem Interesse anhörte; denn was seine Themen aus der Geschichte, Politik oder Moralphilosophie betraf, war ich so unwissend wie ein Esel. Aus dem Munde einer ausgezeichneten Persönlichkeit Lob zu erhalten, ist, obgleich dadurch leicht oder ganz sicher die Eitelkeit angeregt wird, doch, wie ich meine, gut für einen jungen Mann, da es ihm hilft, auf dem rechten Wege zu bleiben.

Meine Besuche in Maer während dieser zwei oder drei aufeinanderfolgenden Jahre waren ganz entzückend, ganz abgesehen von dem herbstlichen Jagdvergnügen. Das Leben war dort vollkommen frei; die Gegend war sehr geeignet zum Spazierengehen wie zum Reiten; am Abend fand sich viel sehr angenehme Unterhaltung, nicht so persönlicher Art, wie es in großen Familiengesellschaften meistens der Fall ist, und außerdem Musik. Im Sommer pflegte die ganze Familie häufig auf den Stufen der alten Säulenvorhalle zu sitzen, vor sich den Blumengarten; der steil abfallende bewaldete Abhang gegenüber dem Hause spiegelte sich in dem See, aus welchem dann und wann ein Fisch hervorschnellte oder auf dem ein Wasservogel herumruderte. Nichts hat ein lebendigeres Bild in meiner Seele hinterlassen als jene Abende in Maer. Ich hing auch mit großer Liebe und Verehrung an meinem Onkel Jos; er war schweigsam und zurückhaltend, so daß man ihn mit einer gewissen ehrfürchtigen Scheu betrachtete; zuweilen sprach er aber ganz offen und frei mit mir. Er war ganz der Typus eines aufrichtigen Menschen mit dem klarsten Urteil. Ich glaube, daß keine Gewalt der Erde ihn dazu hätte bringen können, auch nur einen Zollbreit von dem abzuweichen, was er für den rechten Weg hielt. Ich pflegte auf ihn im Geiste die bekannte Ode des Horaz anzuwenden, die ich jetzt wieder vergessen habe, in welcher aber die Worte vorkommen: «nec vultus tyranni» etc. [11]



[1] Der Besitz von Darwins Onkel Josiah Wedgwood in Shropshire, etwa 50 Kilometer von Shrewsbury entfernt.
[2] Aristokratischer Klub in London. Nach der Satzung dieses Klubs wurden jährlich einige hervorragende Vertreter der Wissenschaft, der Literatur und der Kunst sowie hervorragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens als Mitglieder aufgenommen. Darwin war im Jahre 1838 Mitglied geworden.
[3] Im Jahre 1879 organisierte Charles Darwin die Übersetzung des Artikels des bekannten deutschen Darwinisten Ernst Krause über die evolutionistischen Anschauungen von Erasmus Darwin ins Englische. Der Übersetzung stellte Charles Darwin eine Lebensskizze von Erasmus Darwin voran, die er anhand der Materialien der Familienarchive geschrieben hatte.
[4] Darwin hat den Einschub über seinen Vater und seinen Bruder 1877 oder 1878 geschrieben. Der Schlußsatz kann jedoch erst 1881 hinzugefügt worden sein, nach dem Erscheinen von Carlyles ›Reminiscences‹, in denen Erasmus Darwin kurz charakterisiert wird.
[5] «Man erfährt es von einem Gefährten.»
[6] Nach dem römischen Schriftsteller und Naturforscher Plinius d. Ä. benannte naturwissenschaftliche Gesellschaft, die 1823 in Edinburgh gegründet wurde und ungefähr ein Vierteljahrhundert bestand. Darwin trat ihr am 28. November 1826 bei.
[7] Von R. Jameson 1808 gegründete naturwissenschaftliche Gesellschaft, benannt nach dem Freiberger Gelehrten Werner.
[8] Felsblock, der mit Gletschern oder Inlandeis weit von seiner Heimat verschleppt worden ist. Eine unzulängliche Erklärung für das Antreffen erratischer Blöcke aufgrund von »Überschwemmungen« ließ eine andere Theorie entstehen, nach der die Blöcke durch schwimmende Eisberge transportiert worden sind. Erst Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts wurde von Louis Agassiz die Gletschertheorie aufgestellt.
[9] Der höchste Berg von England und Wales (1085 m).
[10] Gutsbesitzer; mit den Darwins eng befreundet.
[11] Darwin meint die erste Strophe der Römerode (III, 3); sie lautet: Iustumet tenacem propositi virum / non civium ardor prava iubentium, / non voltus instantis tyranni / mente quatit solida… – Den edlen, seinem Vorsatz treuen Mann / erschüttert nicht in seinem festen Sinn die Glut der Bürger, / welche Unrecht heischen, nicht des Tyrannen drohender Blick… (Q. Horatius Flaccus: Oden und Epoden. Lateinisch und Deutsch. Übersetzt von Christian Friedrich Karl Herzlieb und Johann Peter Uz. Zürich, München 1981, S. 190/191).



 
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